Immer mehr Menschen werden Opfer von Identitätsdiebstahl im Netz. Das kann teuer werden und viel Zeit kosten. Tina Groll ist das passiert.

Fast zehn Jahre ist es her, da flatterten plötzlich Mahnungen in Tinas Briefkasten. Mahnungen für Waren, die sie weder bestellt noch bekommen hatte. Es wurden immer mehr, dann standen sogar Inkassounternehmen auf der Matte und wollten vollstrecken. Und dann stellte sich auch noch heraus: Es lagen sogar Haftbefehle gegen die junge Journalistin vor, sie wurde polizeilich gesucht.

"Ich war eine wirklich polizeilich und aktenkundig gesuchte Schuldnerin und Betrügerin."
Tina Groll, Journalistin und Opfer von Identitätsmissbrauch im Netz

Der Grund: Betrüger hatten Tina Grolls Namen und ihr Geburtsdatum verwendet, um in hunderten Fällen Warenkreditbetrug zu begehen. Unter ihrem Namen waren sie auf Onlines-Shoppingtour gegangen: Klamotten, Fernseher, Haushaltsgeräte und mehr, die an irgendwelche Adressen geschickt und dort wohl von Strohmännern abgeholt wurden.  Möglich ist das, weil Unternehmen Waren einfach auf Rechnung rausschicken, erklärt Tina.

"Meine Bonität, mein Score bei der Schufa war total runtergerockt. Wenn ich selbst zu der Zeit gerne Online-Shopping gemacht hätte, hätte ich keine Waren mehr gekriegt."
Tina Groll, Journalistin und Opfer von Identitätsmissbrauch im Netz

Tina Groll ist Journalistin und geht eigentlich sorgsam mit ihren Daten um, sagt sie. Wie die Betrüger an ihren Namen und ihr Geburtsdatum gekommen sind, ist bis heute unklar. Aber es kann jeden treffen, erklärt sie: An vielen Stellen im Netz müssen wir unsere Daten angeben, um bestimmte Dienste nutzen zu können. 

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Vieles ist auch öffentlich, etwa bei Facebook oder auch Wikipedia, wo ganze Lebensläufe zu finden sind, weshalb besonders häufig Menschen von Datendiebstahl betroffen seien, die in der Öffentlichkeit stehen - Schauspieler oder Politiker etwa, oder eben auch: Journalistinnen. 

"Wikipedia liefert all die schönen Daten gleich frei Haus."
Tina Groll, Journalistin und Opfer von Identitätsmissbrauch im Netz

Außerdem, so Tina Groll, können Kriminelle heutzutage ganz einfach für wenig Geld große Datensätze mit personenbezogenen Daten kaufen - und dafür müssten sie nicht mal mehr ins Darknet. Bis die Opfer bemerken, was los ist, ist es meist schon zu spät – wie in Tinas Fall: Als die erste Post bei ihr ankam, liefen längst eine Reihe von Mahnverfahren und Anzeigen.

Identitätsklau im Netz nimmt zu

Identitätsdiebstahl im Netz nimmt immer weiter zu, berichtet Tina Groll. Laut aktuellen Studien habe ungefähr jeder zweite bis fünfte Mensch in Deutschland so etwas schon erlebt. Die Zahl der Betroffenen ist allerdings schwer zu schätzen: Das Bundeskriminalamt betont in seinem Lagebericht zu Cybercrime, dass nur ein Bruchteil der Geschädigten Anzeige erstatte und die Fallzahlen daher wohl viel höher seien als offiziell bekannt.

"Das geht nur mit juristischem Beistand. Und das kostet."
Tina Groll, Journalistin und Opfer von Identitätsmissbrauch im Netz

Tina ging zur Polizei, und sie wehrte sich. Es begann ein langer Kampf: Widersprüche, Erklärungen, Nachforschungen, Anwaltstermine. Und immer wieder kam neue Post. Einträge aus dem Schuldnerregister zum Beispiel oder Haftbefehle kriegt man nicht so einfach gelöscht, erzählt sie.

Opfer bräuchten zwingend juristischen Beistand, und das kostet Geld. Und viel Zeit: Tina hat ausgerechnet, dass sie der Identitätsdiebstahl etwa 800 Arbeitsstunden gekostet hat. Der ganze bürokratische Aufwand, erzählt sie, war wahnsinnig anstrengend. 

Beweispflicht liegt bei den geprellten Unternehmen

Auf den Anwaltskosten blieb sie zum Glück aber größtenteils nicht sitzen. Denn Unternehmen, die vollstrecken wollen, müssten beweisen, dass ihre Forderungen berechtigt sind, erklärt sie. So mussten die Firmen, die unrechtmäßig weiter Forderungen gegen sie vorantrieben, am Ende ihre Anwaltskosten tragen.

Solche Tipps gibt Tina heute weiter an andere Opfer: Über eine Webseite berät sie mittlerweile Betroffene und hat viele wertvolle Informationen und Tipps zusammengetragen.

"Ich habe tatsächlich bis heute Angst vor dem Briefkasten."
Tina Groll, Journalistin und Opfer von Identitätsmissbrauch im Netz

Solche Unterstützung ist auch bitter nötig. Denn anders als Tina, die ihren Fall publik gemacht hat, haben viele Opfer von Identitätsmissbrauch, Kredit- und Warenbetrug gar nicht die Zeit oder das Wissen, sich zu wehren. Und so ganz aufhören tut es nie, sagt Tina.

Der wahre Schaden enstehe durch die falschen Daten, die immer wieder mit den realen Daten vermengt werden. Noch heute mache ihr das das Leben schwer. Das liege an der Schlamperei von datenverarbeitenden Unternehmen: Die falschen Daten würden nicht immer gelöscht und dann immer wieder neu verteilt.

"Wir leben in einer Zeit von Big Data. Wir wissen überhaupt nicht, wer welche Daten über uns gespeichert hat. Wer was mit denen macht."
Tina Groll, Journalistin und Opfer von Identitätsmissbrauch im Netz

So richtig schützen kann man sich nicht gegen Identitätsdiebstahl im Netz, bedauert Tina Groll: "Es ist doch unmöglich geworden, heutzutage sorgfältig mit Daten umzugehen." Selbst wenn man aufpasse, könne alles Mögliche passieren. Aber: Zumindest Vorbeugen kann und sollte man! Zum Beispiel so:

  • regelmäßig Selbstauskunft bei der Schufa machen (Seit 2010 ist das einmal im Jahr kostenlos!)
  • aktuelle Berichterstattung verfolgen
  • regelmäßig Passwörter ändern – insbesondere, wenn Fälle von Datenklau publik werden
  • aufmerksam im Netz bewegen und Vorsicht mit Emails und Email-Anhängen walten lassen
  • Geräte wie etwa Smartphones und Computer aktuell halten, also: immer Updates machen

Zusammen mit dem Experten für Internetkriminalität Cem Karakaya hat Tina Groll auch ein Buch zum dem Thema geschrieben, in dem sie Fakten zum Identitätsklau zusammenträgt und Tipps für Vorbeugung und den Fall der Fälle gibt. 

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