Katharina Nocun hat ihre bei Amazon gespeicherten Daten angefordert. Was sie dabei über sich, aber auch über die Datensammelwut des Unternehmens gelernt hat, erzählt sie in einem Vortrag beim 35. Chaos Computer Congress - und in Kurzform hier.

Zwischen dem 27.12. und dem 30.12.2018 findet in Leipzig zum 35. Mal der Chaos Computer Congress statt - in Fachkreisen 35C3 genannt. Längst sind nicht mehr nur Hacker auf dem Kongress, sondern auch zahlreiche Netzaktivisten, Künstler und Podcaster. Mit dabei ist auch Katharina Nocun. Die Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin hat im März 2018 ihr Buch "Die Daten, die ich rief" veröffentlicht. Über die Ergebnisse ihrer Recherche spricht sie auch beim 35C3.

Grundlage für das Buch war der Versuch, ihre bei Amazon gespeicherten Daten zu erhalten. Denn theoretisch haben alle Nutzer einen Anspruch auf eine kostenlose Kopie ihrer bei einem Unternehmen gespeicherten Daten. Klingt aber einfacher als es ist. 

"Theoretisch hat man einen Rechtsanspruch eine kostenlose Kopie seiner Daten zu bekommen. In der Praxis weigern sich viele Unternehmen allerdings, diese Daten rauszurücken."
Katharina Nocun, Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin

Katharina Nocun musste mehrere Monate lang hartnäckig bei Amazon per Mail nach ihren Daten fragen. Das Unternehmen reagierte zunächst ausweichend, verwies Katharina Nocun auf die Daten, die sie selbst in ihrem Nutzerprofil ansehen könnte.

"Da wird aber nur ein Bruchteil der Daten angezeigt, die das Unternehmen tatsächlich sammelt", sagt Katharina Nocun. Als nächstes wurde ihr eine PDF-Datei mit der Kopie ihrer Profildaten geschickt, "was natürlich ein schlechter Scherz ist", findet die Netzaktivistin.

Bis zu 50 Zusatz-Informationen pro Klick

Erst nach langem hin und her bekommt Katharina Nocun schließlich eine CD mit ihrem Clickstream. In diesem Clickstream ist wirklich jeder einzelne Klick verzeichnet, den ein Kunde auf der Seite von Amazon gemacht hat. Das heißt, das Unternehmen weiß nicht nur genau, was ein Kunde gekauft hat, sondern kennt auch den kompletten Suchverlauf.

"Das heißt, wann ich mir welche Rezensionen länger angeschaut hab, wann ich das Bild eines Produktes größer gemacht hab, alle Suchanfragen - also wirklich jeder Klick."
Katharina Nocun, Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin

Zu jedem dieser Klicks gibt es bis zu 50 zusätzliche Informationen. So weiß Amazon auch, mit welchem Gerät die Seiten besucht wurden, aus welchem Land die Seitenanfrage kommt, mit welchem Browser gesurft wurde, und um welche Uhrzeit der Seitenbesuch stattgefunden hat.

Daten lassen Rückschluss auf Schlafverhalten zu

Letty, eine befreundete Datenanalystin, mit der Katharina Nocun ihren Vortrag auf dem 35. Chaos Computer Congress hält, hat mit diesen Datensätzen dann ein Programm gefüttert. Danach konnte sie genaue Aussagen über Katharinas Aufenthaltsorte nennen. Wann sie wo im Urlaub war, wann sie von wo nach wo gependelt ist, wann sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Eltern in NRW besucht hat.

Zusätzlich ließ sich aus den Daten eine Statistik von Katharina Nocuns Wachzeiten erstellen. Und das findet die Autorin schon ziemlich intim, denn so weiß Amazon auch, wann sie nachts mal nicht schlafen konnte. Details, die wir dem Einzelhändler von Nebenan wahrscheinlich eher nicht mitteilen würden. Amazon nehme sich das aber einfach raus, solche Daten zu speichern, sagt Katharina Nocun.

"Nur weil ich nachts nicht einschlafen kann und bei Amazon was nachgeguckt hab, heißt das ja nicht, dass ich möchte, dass ein Unternehmen eineinhalb Jahre auf Vorrat speichert, wann ich nicht einschlafen konnte."
Katharina Nocun, Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin

Katharina Nocun hat aus dieser Recherche Konsequenzen gezogen und ihr Nutzungsverhalten verändert. Denn wirklich schwarz auf weiß zu sehen, welche Daten ein Unternehmen von ihr hat, und was daraus alles geschlossen werden kann, war eine eindrückliche Erfahrung.

Ihr Wunsch für die Zukunft: Dass mehr Menschen ihre Daten anfordern. Denn dann wären Unternehmen irgendwann gezwungen, Portale dafür einzurichten und transparent zu machen, welche Daten sie über ihre Nutzer sammeln und speichern.

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