Abschleifen oder Einschmelzen? Immer noch gibt es in Deutschland Kirchenglocken mit NS-Symbolen. Man muss sie erhalten, sagt der Glockensachverständige Sebastian Wamsiedler.

In über 20 Kirchen in Deutschland sollen noch heute Glocken mit Bezug zum Nationalsozialismus hängen, die meisten in evangelischen Gotteshäusern. Teilweise sind die Glocken mit Hakenkreuzen versehen, teilweise mit NS-Sprüchen verziert. Nun wird gestritten, ob die Glocken hängen bleiben oder ausgestellt werden, ob die NS-Spuren beseitigt oder verborgen werden sollen.

Wir haben mit Sebastian Wamsiedler gesprochen. Als Glockensachverständiger macht er sich schon seit längerem Gedanken, was mit den Glocken passieren soll. Er spricht sich für den Erhalt der Glocken und der NS-Verzierungen aus – aus historischer und denkmalpflegerischer Perspektive.

"Ich habe die klare Auffassung, dass diese Glocken zu erhalten sind und nicht angetastet werden dürfen, auch wenn es sich um unbequeme Zeugnisse der Geschichte handelt."
Sebastian Wamsiedler, Glockensachverständiger

Sebastian Wamsiedler wendet sich strikt dagegen, die Glocken abzuschleifen oder gar einzuschmelzen. Für ihn sind die Glocken zeitgeschichtliche Zeugnisse. Die Verwendung sei eine andere Frage: Die Kirchen müssten für sich theologisch klären, ob sie die Glocken mit NS-Markierungen verwenden möchten.

Musikinstrumente und Denkmäler

Entscheidend für diese Abwägungen ist, ob die Glocken seitens des Denkmalschutzes als Musikinstrumente oder als Denkmäler eingeordnet werden. Das Thüringische Amt für Denkmalpflege führt Glocken grundsätzlich in der Gruppe der Musikinstrumente. Damit sind sie für das Amt kein denkmalpflegerisches Problem. Sebastian Wamsiedler widerspricht.

"Selbstverständlich handelt es sich bei Glocken in erster Linie um Instrumente, sie können aber auch gleichzeitig Denkmäler sein."
Sebastian Wamsiedler, Glockensachverständiger

Für Sebastian Wamsiedler können Glocken einerseits klangliche Denkmale sein. Andererseits könnten sie sich auch durch besondere historische Merkmale wie Inschriften oder Verzierungen als Denkmale qualifizieren. 

Aus der Diskussion könnte rasch ein juristischer Streit werden. In einem Strafantrag von Februar 2019 wird der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland vorgeworfen, mit der Bewahrung und Weiternutzung von sechs Kirchenglocken mit nationalsozialistischen Symbolen und Inschriften in fünf Kirchen in Thüringen gegen das Strafgesetzbuch zu verstoßen.

Die weitaus meisten der NS-Glocken hängen in evangelischen Kirchen. Diese ungleiche Verteilung hat für den Glockensachverständigen mit der Struktur der beiden großen Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus zu tun. Er sagt, dass Teile der evangelischen Kirche sich unter Führung der Deutschen Christen offen zum Nationalsozialismus bekannt haben.

"Nach bisherigem Forschungsstand ist es so, dass solche Glocken sich vermehrt in evangelischen Kirchen befunden haben, weniger in den katholischen Kirchen."
Sebastian Wamsiedler, Glockensachverständiger

Auch im Fall der sogenannten Hitler-Glocke im rheinland-pfälzischen Herxheim am Berg wurde Strafanzeige gestellt. Sie ist in unserer Bildcollage links zu sehen. Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz entschied aber, die Glocke dürfe im Kirchturm der protestantischen Jakobskirche hängen bleiben. Die Glocke aus dem Jahr 1934 ist mit einem Hakenkreuz und der Aufschrift "Alles fuer's Vaterland – Adolf Hitler" versehen.

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