Mit dem Satz "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein", löste der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger 1978 eine Debatte über die Bewertung der NS-Vergangenheit aus. Er trat zurück  - aber das war nicht der letzte Versuch, die deutsche Geschichte umzudeuten.   

"Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein", diesen Satz sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger am 15. Mai 1978 in einem Interview, das er dem Wochenmagazin "Der Spiegel" gab. Filbingers Äußerung löste eine Debatte um die Bewertung der NS-Vergangenheit und die Gesetze, die zu dieser Zeit gültig waren, aus. Der Politiker zeigte sich wenig einsichtig, verlor daraufhin zunehmend die Unterstützung seiner Partei, der CDU, und in der Bevölkerung. Die Folge: Am 7. August 1978 musste er zurücktreten. 

Den Satz, der für große Aufregung sorgte und zu Filbingers Rücktritt führte, hatte der baden-württembergische Ministerpräsident eigentlich geäußert, um sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, er habe als ehemaliger NS-Marinerichter noch im März 1945 an Todesurteilen mitgewirkt und für ihre Durchführung gesorgt. 

Debatte um NS-Vergangenheit prägt Nachkriegsgeschichte

Die Affäre Filbinger war nicht die erste und nicht die letzte Debatte um das schwierige Erbe der NS-Zeit, die in der Bundesrepublik geführt wurde. Die Auschwitz-Prozesse Mitte der 1960er Jahre hatten eine bundesweite Diskussion ausgelöst, genauso wie die TV-Serie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss". 

"Dieser Filbinger-Satz verschleiert die ganze, maßgebliche Realität. Nämlich: Das, was im Nationalsozialismus als Recht deklariert wurde, war auch schon historisch in den allermeisten Fällen kein Recht."
Samuel Salzborn, Politikwissenschaftler und Antisemitismusforscher

Bis heute gibt es immer wieder Äußerungen, Zeitungsartikel oder Bücher, die die deutsche Geschichte umdeuten oder beschönigen wollen. Auch zurzeit werden wieder Forderungen laut, "stolz auf die Soldaten beider Weltkriege" zu sein oder eine Wende in der Erinnerungspolitik einzuleiten. 

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Journalist Felix Huby war Ende der 1970er Jahre Spiegel-Korrespondent in Baden-Württemberg, als in einem Interview Hans Filbinger den Satz "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein", sagte.  
  • Die Historikerin und Mit-Organisatorin der "Wehrmachtsausstellung", Ulrike Jureit, beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der Geschichte und erläutert die verschiedenen Etappen des Umgangs der Deutschen mit ihrer jüngsten Geschichte.   
  • Der Berliner Antisemitismusforscher Samuel Salzborn geht der Frage nach, was Menschen bezwecken, die noch heute eine Wende in der Erinnerungskultur und Stolz auf deutsche Soldaten beider Weltkriege fordern. 
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld erläutert verschiedene Diskussionen in der Bundesrepublik, die sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinandergesetzt haben.

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