Laut einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes haben 44 Prozent der Mitarbeiter in deutschen Unternehmen Angst, ihre Probleme mit den Vorgesetzten zu besprechen. Die Unternehmenscoach Inge Bell hat uns Tipps gegeben, wie solche Gespräche gut laufen können. 

Der Kollege mobbt, die Zeit reicht nicht fürs Projekt oder zwei Abteilungen boykottieren sich gegenseitig – im Job kann es viel Stress geben. Eigentlich sollte das dann der Chef regeln, aber oft erfahren Vorgesetzte gar nichts von diesen Problemen. Denn knapp die Hälfte der Belegschaft hat Angst vor Gesprächen mit dem Chef. 44 Prozent wollen Probleme lieber nicht mit ihrem Vorgesetzten besprechen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Mehr als 8000 Angestellte hat der DGB befragt. 

Viele haben es nicht gelernt, Konflikte zu besprechen

Ein Zehntel der Beschäftigten leidet so sehr unter diesen Problemen, dass sie sogar darüber nachdenken, den Arbeitgeber zu wechseln. Die Gründe für die Kommunikationsschwierigkeiten liegen möglicherweise auf beiden Seiten: bei den Mitarbeitern und bei den Chefs. Oft haben sie das Führen von Konfliktgesprächen beide nicht gelernt. Also staut sich das Problem, wird größer und angstbesetzter und manchmal brechen die Emotionen dann unkontrolliert an ganz anderer Stelle aus.

Inge Bell ist Unternehmenscoach in Leipzig und kennt solche Situationen. Sie rät uns, dass wir nach einer problematischen Situation lieber erst einmal Luft holen sollten und die Probleme erst dann ansprechen. Sie sagt: "Das kann eben der kleine, ganz kurze Dienstweg sein: 'Kann ich ganz kurz mit ihnen sprechen?' Gleich im Anschluss an das, was passiert ist, nachdem wir einmal durchgeatmet haben und uns einmal in die Position des erwachsenen Kritikers und Feedbackgebers versetzt haben."

Bekämpfe Deine Angst!

Unternehmenscoach Bell sagt, es sei wichtig kurz darüber zu reflektieren, wie ein Kind reagiert und wie wir es unter Erwachsenen regeln könnten. Das Problem ist nämlich: Bei der Kommunikation mit Chefs geht es um Hierarchie. Und die erste Hierarchie, die wir im Leben kennenlernen, ist das Familiengefüge. Oft prägt das später auch unseren Umgang mit Vorgesetzten. In schwierigen Situationen fühlen wir uns dann hilflos wie Kinder, so Bell. Und das, obwohl wir als Erwachsene dem Chef nie so ausgeliefert sind wie Kinder den Eltern. Das sollten wir uns vorher klar machen. Außerdem sind Chef oder Chefin auch nur Menschen mit Gefühlen, Menschen, die auch mal einen schlechten Tag haben.

Beim Gespräch ist es dann sehr wichtig, das Anliegen in Ich-Botschaften zu formulieren. Inge Bell bedauert, dass das immer noch kaum jemand hinbekommt. Eine Ich-Botschaft funktioniert in drei Schritten:

  1. Zuerst sagen wie wir (also ich) eine Situation wahrgenommen haben
  2. Dann erklären, wie es auf uns persönlich gewirkt hat
  3. Im dritten Schritt sollten wir dann einen Wunsch, einen Vorschlag oder eine Frage formulieren, auf die Chef oder Chefin reagieren kann.

Flache Hierarchien in kleinen Betrieben und Start-ups

Wer extrem konfliktscheu ist, könnte in kleineren Betrieben mit einer flachen Hierarchie besser aufgehoben sein. Auch das ergibt die Befragung des DGB: In Kleinbetrieben mit weniger als 20 Beschäftigten herrscht weniger Furcht vorm Boss. Auch in Start-ups sind Konfliktgespräche eher auf dem kleinen Dienstweg möglich als in Großunternehmen.

Einen Unterschied macht es auch, ob wir in hoch oder niedrig qualifizierten Jobs arbeiten. Bei gering qualifizierten Tätigkeiten, sagt die Umfrage, fühlt sich die Mitarbeiterschaft oft weniger wertgeschätzt vom Chef. Dadurch ist das Hierarchiegefälle größer und dann auch die Angst vor Chefgesprächen.

"In Konflikten, da liegen erstarrte Energien. Und die gilt es zu lösen."
Inge Bell, Unternehmenscoach

Und dann gibt es auch die Tendenz, dass Ältere ab Mitte 50 noch größere Angst vor Chefgesprächen gegenüber Jüngeren haben. Inge Bell rät, sich einfach mal zu trauen, einen Konflikt anzugehen, weil wir uns dann hinterher besser fühlen: "Konflikte auszutragen, das ist ganz toll. Denn in Konflikten, da liegen erstarrte Energien. Und die gilt es, zu lösen. Denn die Energie, die kann man ja gut gebrauchen für sein Leben, sowohl im Büro als auch außerhalb. Und ein erstarrter Konflikt oder eine nicht vorhandene Konfliktfähigkeit, die hindert uns beim Leben unserer Energien."

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