Blut ist ein knappes, wertvolles Gut. In deutschen Kliniken wird mit Blutkonserven nicht sparsam umgegangen. Dabei gäbe es vielversprechende Ansätze.

In keinem anderen Land werden so viele Bluttransfusionen pro Kopf verbraucht wie in Deutschland. Belgien oder Norwegen kommen mit zwei Dritteln des Blutes aus, in den Niederlanden reicht sogar etwa die Hälfte.

Dabei ist Blut eine wertvolle Ressource. Außerdem zeigen Studien, dass Bluttransfusionen viel riskanter sind, als bislang angenommen: Wer fremdes Blut empfängt, hat häufiger Infektionen, Herzinfarkte oder Nierenversagen.

Uni Frankfurt testet Patienten-Blut-Management

Allein deshalb ist ein Patienten-Blut-Management, wie es die Weltgesundheitsorganisation seit 2011 fordert, dringend notwendig. Auch die EU hat entsprechende Leitfäden verabschiedet – die werden von der Bundesregierung ignoriert, sagt die Gesundheitsexpertin der Partei Die Linke, Sylvia Gabelmann: "Wenn eine Gesundheitspolitik im Sinne der Patientinnen und Patienten handeln möchte, dann sollte diese Richtlinie, auch wenn sie nicht verpflichtend ist, umgesetzt werden."

Wie so ein Patienten-Blut-Management aussehen könnte, testet die Uniklinik in Frankfurt. Sie ist eine von vier Kliniken, die vor fünf Jahren das "Patient-Blood-Management" eingeführt haben. Dort haben die Ärzte über 100 Maßnahmen definiert, wie sie Blutverlust vermeiden können.

"Das ist ein richtiger Kulturwandel. Wir haben über 100 Maßnahmen inzwischen definiert, wie wir Patienten für die OP besser vorbereiten und schauen während der Operation akribisch, dass es keine unnötigen Blutverluste gibt."
Patrick Meybohm, Intensivmediziner an der Uniklinik Frankfurt

Beispielsweise werden die körpereigenen Blutreserven mit Eisenpräparaten gestärkt, sagt der Intensivmediziner an der Uniklinik Frankfurt, Patrick Meybohm. Weitere Maßnahmen sind, während der Operation das Blut des Patienten aufzufangen, zu reinigen und wieder an ihn zurückzugeben.

Anämieschwester Sabine Isik und Prof. Patrick Meybohmm, Uniklinik Frankfurt
© Deutschlanfunk Nova | Fabian Schäfer
Anämieschwester Sabine Isik und der Intensivmediziner Patrick Meybohm in der Uniklink Frankfurt

Blutverbrauch um 40 Prozent gesenkt

Durch diese Maßnahmen haben die vier Kliniken die Zahl der Transfusionen stark gesenkt. Nach der Auswertung von 130.000 Patientendaten kommt Patrick Meybohm zu dem Ergebnis: Der Blutproduktverbrauch ist um 40 Prozent zurückgegangen. Patrick Meybohm sagt, auch die Sicherheit für die Patienten sei gestiegen.

"Das waren erstaunliche Ergebnisse, die haben uns schwer beeindruckt. Aktuell sind wir sogar bei minus 40 Prozent. Interessanterweise ist das Ganze auch noch sicher für die Patienten. Weniger Blutprodukteverbrauch, weniger Sterberate, weniger Komplikationen."
Patrick Meybohm, Intensivmediziner an der Uniklinik Frankfurt

Obwohl die Maßnahmen für die Patienten, die Kliniken und die Gesellschaft insgesamt Vorteile mit sich bringen, wird das Patienten-Blut-Management bei den Richtlinien der Bundesärztekammer kaum berücksichtigt. Sylvia Gabelmann von der Linkspartei vermutet wirtschaftliche Verflechtungen der Transfusionmedizinier, die mit in den Arbeitskreisen der Bundesärztekammer sitzen und dort mit an den Leitlinien schreiben. 

Viele würden für das Rote Kreuz arbeiten, das Millionen von Euro mit den Blutkonserven einnimmt. Deshalb hätten sie kein Interesse daran, die Zahl der Bluttransfusionen zu senken.

Arzt weist Vorwürfe zurück 

Harald Klüter, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin an der Uni Heidelberg und Vorsitzender des entsprechenden Arbeitskreises der Bundesärztekammer, wehrt sich vehement gegen die Darstellung der Linken - denn Blut zu sparen, sei immer notwendig, um jederzeit ausreichend Blutreserven für alle Patienten zur Verfügung stellen zu können.

"Wir haben den Auftrag der jederzeitigen Versorgung unserer Patienten, und jedes eingesparte Blutpräparat an der Stelle hilft uns, an einer anderen Stelle diese Versorgung sicherzustellen."
Harald Klüter, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin an der Uni Heidelberg

Überhaupt müsse jede Klinik Blut sparen, auch wenn sie es nicht "Patient-Blood-Management" nenne. Das Konzept der vier Kliniken, die das Patienten-Blut-Management anwenden, müsse sich dagegen noch bewähren. 

Patrick Meybohm ist zuversichtlich, dass die neuen Konzepte sich mit der Zeit durchsetzen werden. Schließlich träumt er sogar davon, dass in Zukunft Operationen ganz ohne Bluttransfusionen auskommen werden.

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