Die Künstliche Intelligenz (KI) DeepGestalt kann Erbkrankheiten auf Fotos erkennen. Ein Verfahren, das viele Risiken birgt – aber durchaus auch Chancen, sagen Ärzte. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Thomas Reintjes hat sich die App Face2Gene, die die KI nutzt, zusammen mit einem Mediziner angesehen. 

Unserem Reporter Thomas Reintjes ist es es zwar gelungen, die  App Face2Gene herunterzuladen, aber viel weiter kam er nicht. Der Grund: Sie ist medizinischem Fachpersonal vorbehalten, erklärt der Humangenetiker Peter Krawitz von der Universität Bonn, der die App mitentwickelt hat. 

Wie die KI Deep Gestalt funktioniert

Thomas Reintjes macht ein Foto von sich und der Mediziner lädt das Bild in die App. Umgehend zeigt die KI DeepGestalt die Ergebnisse der Gesichtsanalyse an. Es geht dabei um eine Liste von 30 Krankheiten, die Reporter Thomas Reintjes haben könnte. Die gute Nachricht: Im Fall von Thomas liegen alle angezeigten Werte auf einem relativ niedrigen Niveau, so  Mediziner Peter Krawitz. Die wahrscheinlichste Erbkrankheit des Probanden steht ganz oben auf einer Ergebnisliste. Im Fall unseres Reporters: das Loeys-Dietz-Syndrom. 

Informationen zu dieser Krankheit liefert die App gleicht mit. Bei dem Loeys-Dietz-Syndrom handelt es sich um eine Erkrankung, bei der es zu Gefäß-Anomalien kommen kann, zum Beispiel Aorten-Aneurysmen. Hervorgehoben sind auf dem Bildschirm außerdem die Regionen des Gesichts, anhand derer die KI das Syndrom zu erkennen glaubt.

"Was wir noch auf dem Bildschirm sehen, ist mein Gesicht. Aber mit farblich markierten Regionen. Das sind die Stellen, wo die künstliche Intelligenz meint, dass sie das dieses Syndrom erkannt hat."
Thomas Reintjes über eines der Ergebnisse

Thomas Reintjes, der sich viel mit KI-Anwendungen beschäftigt hat, ist beeindruckt. Allerdings weist er auch auf mögliche Risiken bei der Nutzung der App hin. Versicherungen und Arbeitgeber könnten beispielsweise Fotos von Bewerbern auswerten und Menschen nach der Anwendung der KI diskriminieren. Allerdings wäre so ein Vorgehen natürlich illegal. 

Der Humangenetiker Peter Krawitz ist der Ansicht, dass die App mehr Chancen als Risiken bietet. Er hat aber auch an ihrer Entwicklung mitgearbeitet. 

Die Chance, die die App bietet

  • Die App bietet eine sehr schnelle Diagnose.
  • Viele Erbkrankheiten sind sehr selten. So selten, dass selbst Fachärzte kaum mit ihr in Berührung kommen. Die App kann in solchen Fällen helfen, zu einem Ergebnis zu kommen, um in Anschluss eine Diagnostik in einem Labor durchführen zu lassen.
  • Das Vorgehen ist zielgerichtet und kostensparend. 

Nach Angaben der Forscher und Entwickler der App arbeitet die KI sehr zuverlässig. Leide ein Patient an einer Erkrankung, dann stehe diese mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf der von der App ausgegebenen Top-10-Liste.   

Ärzte nutzen die App bereits

Peter Krawitz schätzt, dass bereits etwa die Hälfte der Humangenetiker mit diesem Werkzeug erste Erfahrungen gesammelt hat. 

"Man schätzt, dass so ungefähr die Hälfte der Humangenetiker mit diesem Werkzeug bereits erste Erfahrungen gesammelt haben."
Peter Krawitz, Humangenetiker an der Uni Bonn

Eine Aussage, die unseren Reporter Thomas Reintjes überrascht hat, denn DeepGestalt arbeitet mit einer sogenannten Black-Box-Technik. Das bedeutet, dass DeepGestalt keine Erklärungen liefert, wie das jeweilige Ergebnis zustande gekommen ist. Ein Grund, warum Ärzte so eine Black-Box-Technik bislang eigentlich ungern einsetzen, so Thomas Reintjes. 

Die App scheint viel besser zu funktionieren als bisherige Methoden: Bislang beschreiben Fachärzte Gesichtsmerkmale mit Fachwörtern. Beispielsweise für weit auseinanderstehende Augen oder eine tief sitzende Nasenwurzel. In einem nächsten Schritt müssen die Ärzte dann in einer Fachdatenbank suchen, auf welche Krankheiten diese Merkmale hindeuten könnten.  

Ein Punkt ist bei der Nutzung von DeepGestalt ganz entscheidend: Die App wird bei den Gesichtsbildern von Probanden immer fündig. Der Grund: Sie wurde ausschließlich mit Bildern von Tausenden Patienten trainiert, nicht aber mit denen von gesunden Menschen. Die App kennt also im Prinzip gar keine gesunden Menschen. Aus diesem Grunde wird sie auch ausschließlich bei Menschen genutzt, bei denen es einen konkreten Verdacht auf eine Erkrankung gibt. Die KI DeepGestalt kann Ärzten also zur Absicherung dienen oder dazu, eine Auswahl möglicher Krankheiten einzuschränken.

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