Als erstes Land der Welt macht Luxemburg Bus- und Bahnfahren kostenlos. Ab dem ersten Quartal 2020 gehören Fahrkarten in dem kleinen europäischen Land der Vergangenheit an. Funktioniert so ein Modell auch bei uns?

"Luxemburg wird das erste Land der Welt sein, in dem man den öffentlichen Nahverkehr spontan oder geplant nutzen und überall ein- und aussteigen kann, ohne sich Gedanken darüber zu machen, welche Fahrkarte man am besten kauft", sagte Xavier Bettel, der Premierminister Luxemburgs, in seiner Regierungserklärung. Und: Das Vorhaben verbessere das Image des Großherzogtums.

"Das steht uns einfach gut zu Gesicht und trägt enorm zum Image und zur Attraktivität Luxemburgs bei."
Xavier Bettel, der Premierminister Luxemburgs

Luxemburg hat große Verkehrsprobleme: Jeden Tag pendeln rund 200.000 Menschen aus Deutschland, Frankreich und Belgien zur Arbeit ins Großherzogtum. 

Anreiz für die Pendler

Der Gratis-Nahverkehr sei ein Anreiz, damit insbesondere die Pendler auf Bus und Bahn umsteigen, sagt der Verkehrsexperte Martin Randelhoff vom Blog Zukunft Mobilität. Über eine entsprechen Park-and-Ride-Infrastruktur solle der Umstieg für die Pendler angenehm gestaltet werden.

Allerdings sei Luxemburg ein Land, das hohe Löhne und Gehälter bezahle, so Randelhoff. Die Frage sei also, ob es überhaupt der Preis für die ÖPNV-Tickets sei, der die Pendler davon abhält, umzusteigen – oder das Angebot selbst. Autofahren ist (in der Regel) einfach komfortabler.

"Autofahren müsste in Luxemburg noch unattraktiver gemacht werden."
Martin Randelhoff, Verkehrsexperte, Blog "Zukunft Mobilität"

Um viele Leute zum Umsteigen zu bewegen, müsse das Autofahren noch unattraktiver gemacht werden, etwa indem flächendeckend Parkraumgebühren eingeführt oder nichtbenötigte Parkplätze in öffentliche Räume umgewandelt werden. Auch Fahrradfahren und Zu-Fuß-Gehen müsse attraktiver gemacht werden.

Alle Jugendlichen und Kinder unter 20 Jahren dürfen schon heute kostenlos luxemburgische Busse und Bahnen benutzen. Außerdem hat das Land seinen ÖPNV in den letzten Jahren systematisch erweitert: Seit 2017 gibt es dort wieder eine Straßenbahn, die in den 1960er Jahren abgeschafft worden war. Außerdem ist das Busnetz umgestellt worden und die luxemburgische Staatsbahn CFL ausgebaut. 

Modell nicht übertragbar auf Deutschland

Luxemburg ist etwa so groß wie das Saarland und hat 600.000 Einwohner, das entspricht in etwa Städten wie Stuttgart, Düsseldorf oder Leipzig. In Estland, was eine vergleichbare Größe hat, wird ebenfalls überlegt, den kostenlosen ÖPNV flächendeckend einzuführen, so Randelhoff. Luxemburg gebe im Jahr etwa 900 Millionen Euro für den öffentlichen Verkehr aus.

Das deutsche System sei ungleich größer, so Randelhoff: 2017 etwa haben deutsche Bus- und Bahnfahrer aus der eigenen Tasche 12,8 Milliarden Euro für den ÖPNV bezahlt. Der deutsche Staat hat dann noch mal einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag draufgepackt. Den ÖPNV in Deutschland in absehbarer Zeit kostenlos zu machen, sei aktuell nicht zu bezahlen, so der Experte.

"Den ÖPNV in Deutschland innerhalb weniger Jahre kostenfrei zu machen, ist unfinanzierbar."
Martin Randelhoff, Verkehrsexperte, Blog "Zukunft Mobilität"

Das Geld, das die Fahrgäste für ihre Tickets ausgeben müssen, sei für die Ausweitung der Infrastruktur und damit die Steigerung der Qualität des öffentlichen Verkehrs in Deutschland aktuell dringend nötig.

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