Beinahe jedes Großereignis hat inzwischen eine Erkennungsmelodie. Das hat viel mit Marketing zu tun und damit, wie wir auf Musik reagieren: emotional.

"Live It Up" von Nicky Jam, Will Smith und Era Istrefi ist der neue Song zur WM in Russland. Ob er gefällt oder nicht, er soll Stimmung machen. Egal, wo die WM stattfindet, egal, was man von Putin hält und egal wie das Lieblingsteam sich schlägt – das Motto lautet: jetzt ist Party! Auf dem Bild oben performen Jennifer Lopez und Claudia Leitte zur WM-Eröffnung 2014.

Wenn uns etwas mit der richtigen Musik verkauft wird, finden wir fast alles ziemlich gut. Unser Reporter Martin Krinner hat sich damit beschäftigt.

Jeder hat ein musikalisches Gedächtnis

Er hat als erstes mit Leuten gesprochen, die sich beim Thema Musik und Emotion an den 11. September 2001 erinnern und an den Enya-Song "Only Time". Der TV-Sender CNN hatte ein Amateurvideo von den Anschlägen in New York, das mit dem Lied unterlegt war, lizenziert und gesendet. Das Lied entwickelte sich zu einer Hymne und chartete in den USA.

Die Bilder in Zeitlupe, dazu ein bisschen gefühliges Geträller und fertig ist der Spot für Trauer und Bestürzung, meint Martin. Oder die Produzenten legen etwas mit Schmackes unter die Bilder – und schon geht es ab. Musik kann das. Sie schafft Stimmungen. Martin hat mit Stefan Kölsch gesprochen. Er ist Professor für biologische und medizinische Psychologie und er erforscht die Auswirkung von Musik auf den Menschen.

"Im Gehirn scheint es ein extra Gedächtnis für Musik zu geben. Dieses Gedächtnis hat besondere Verbindungen zu Emotionen. Und dadurch kommt es, dass wir bei besonders emotionalen Erlebnissen die Musik besonders gut in Erinnerung behalten."

Alle Menschen haben grundsätzlich ein Gedächtnis für Musik und die Fähigkeit, Emotionen mit ihr zu verbinden, sagt Stefan Kölsch. Dabei ist egal, ob sich jemand als musikalisch oder unmusikalisch bezeichnet. Wie das genau funktioniert, ist allerdings noch nicht erforscht.

"Wir wissen nur, dass Emotionen und autobiografisches Gedächtnis in einer Struktur im Gehirn zusammenkommen, die Hippocampus genannt wird. Und Musik kommt dahin gehend ins Spiel, dass genau dieser Teil im Gehirn durch Emotionen, die Musik ja wachrufen kann, besonders stark aktiviert wird."

Die Produzenten des aktuellen WM-Songs haben keinen emotionalen Trick ausgelassen und möglichst wenig dem Zufall überlassen. Die technischen Möglichkeiten haben die Musiker voll ausgereizt, sagt der Musikwissenschaftler Volkmar Kramarz.

"Da ist alles drin, was man heute an Technik beherzigen konnte. Die Fachleute wissen, dass da der Autotuner stimmt, Korrekturverfahren, irgendwelche Softwaresachen drin sind, Effekte ohne Ende. Da haben große Jungs mit sehr viel Zeitaufwand handwerklich eine extrem gute Produktion hingelegt."
Volkmar Kramarz, Musikwissenschaftler an der Uni Bonn

Ob der Song gut oder schlecht ist, das sei noch mal eine ganz andere Frage und auch Geschmackssache, meint Martin. Aber weil er handwerklich, also von der produktionstechnischen Seite her, was drauf hat, kommt er dem perfekten WM-Song schon sehr nah, sagt Volkmar Kramarz.

"Der perfekte WM-Song ist erst mal so aufgebaut, dass sie ganz viel machen, was nicht stört. Sie brauchen etwas, was so gängig ist, so einfach und so klar ist, dass man nirgendwo aneckt."
Volkmar Kramarz, Musikwissenschaftler an der Uni Bonn

Das geht los mit der Tonart: lieber Dur als Moll. Das geht weiter mit den Harmonien und einer schmissigen Melodie mit ordentlichem Mitgrölpotenzial.

Martin meint: Dann kommt die WM, dann kommen die Tore, dann kommen die großen Gefühle und mit etwas Glück können sich dann Millionen von Fernsehzuschauern in zwanzig Jahren noch daran erinnern, dass zu diesem Song Deutschland die WM vergeigt, oder eben gewonnen hat. Wir werden es sehen.

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