Wir sehen einen Unfall – und wählen die 112. Aber was ist, wenn wir nicht beschreiben können, wo wir sind? Die Notfall-Technik Emergency Eye soll dem Rettungsdienst helfen, Notrufe schnell zu orten und sich via Smartphone-Kamera vorab einen Eindruck zu verschaffen.

Zwei Jahre ist es her, da haben Viktor Huhles Eltern einen schweren Motorradunfall: Auf einem Feldweg in Frankreich warten sie 90 Minuten, bis der Rettungsdienst kommt. Beide überleben, aber die Mutter hat acht gebrochene Rippen. Für die Familie ist dieser Unfall ein großer Schock.

Viktor ist zu diesem Zeitpunkt siebzehn Jahre alt, er ist nicht dabei, als der Unfall passiert, aber er denkt sich hinterher: Das Koordinieren der Rettungskräfte müsste in Zeiten von Smartphone-Kommunikation doch eigentlich besser und schneller laufen. Viktor beginnt also, an einer Lösung zu arbeiten. 

Gemeinsam mit einer Firma aus Grevenbroich entwickelt Viktor die Notruftechnik Emergency Eye, die nun zum ersten Mal im Rhein-Kreis Neuss im Einsatz ist. Emergency Eye ist keine App, sondern eine Technik, die bei 112-Anrufen genutzt wird.

"Ich kann mit meiner Oma facetimen. Ich kann meinen Freunden über Whatsapp meinen Ort schicken, wenn ich irgendwo sitze. Warum kann ich im Notruf denn nur telefonieren?"
Viktor Huhle, hatte die Idee für Emergency Eye

Ortung und Live-Videos via Smartphone

Die wichtigste Funktion der Technik: Emergency Eye kann Anrufer der Notrufnummer 112 direkt über das Smartphone orten. Es gibt zwar Notrufzentralen, die Anrufer vorher schon über SMS oder WhatsApp orten konnten, aber diese Daten gehen immer über den Server eines Drittanbieters. Bei Viktors Notruftechnik wird eine direkte Verbindung zwischen dem Anrufer und der Notrufzentrale hergestellt – keine Daten werden zwischengespeichert.

Thomas Dilbens, der Chef der Leitstelle Rhein-Kreis Neuss, hat nach den ersten zwei Wochen, in denen Emergency Eye genutzt wurde, einen guten Eindruck. Anfahrtswege könnten besser bestimmt und Einsatzkräfte besser angewiesen werden.

"Wir können sofort saubere Anfahrtswege sagen. An der Promenade. Am Rhein. Wo sind Sie? Wir sehen das auf der Karte, können die Kräfte, den Hubschrauber zum Beispiel, optimal einweisen und das ist schon ein sehr großer Vorteil."
Thomas Dilbens, Chef der Leitstelle Rhein-Kreis Neuss

Emergency Eye kann nicht nur orten: Anrufer können mit ihrer Kamera Live-Videos an die Notfallzentrale schicken. So haben die Rettungskräfte schon vor Eintreffen die Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck machen, beispielsweise bei einem unübersichtlichen Autounfall. So kann unter anderem das Einsatzaufkommen besser bestimmt werden. Durch den Kamera-Live-Stream ist es den Rettungskräften außerdem möglich, den Anrufer besser als Ersthelfer anzuleiten.

"Wenn der Patient nicht atmet, würden wir Sie zur Crash-Rettung überzeugen wollen. Dass Sie den Patienten aus dem Auto holen, auf den Boden legen und wir dann mit Ihnen gemeinsam eine Reanimation machen. Sie können uns dabei sehen."
Thomas Dilbens, Chef der Leitstelle Rhein-Kreis Neuss

Zwei Klicks braucht es, damit Emergency Eye funktioniert

Damit Emergency Eye funktioniert, sind ein Smartphone und eine mobile Internetverbindung nötig. Der Anrufer wird vom Experten angewiesen – mit zwei Klicks des Anrufers kann die Notrufzentrale den genauen Standort bestimmen und auf die Smartphone-Kamera zugreifen. Ein 112-Anruf könnte mit Emergency Eye beispielsweise so ablaufen:

Notrufzentrale (N): Notruf, Feuerwehr und Rettungsdienst. In welcher Stadt ist der Unfall?
Anrufer (A): In Neuss. 
N: Können Sie mir die Straße sagen?
A: Leider nein. Kenn mich hier nicht aus. Hab keine Ahnung, wo ich bin.
N: Wir haben die Möglichkeit, Sie zu orten. Sind Sie damit einverstanden?
A: Ja, bin ich.
N: Ich gebe Ihre Nummer, mit der Sie hier in den Notruf reinkommen, ins System jetzt ein. Sie bekommen von mir eine SMS. Diese SMS aktivieren Sie den Link, der danach Ihren Browser öffnet. Ich würde Sie bitten, in der Zeit auf dem Browser bleiben und meinen Anweisungen Folge zu leisten.
A: Ja, okay. SMS hab ich bekommen.
N: Gut, dann den Link aktivieren.
A: Mach ich, hab draufgeklickt.
N: Und im Browser bleiben. Sie befinden sich in Neuss. Wenn ich das jetzt richtig sehe, müssten Sie auf dem Hammfelddamm sein. Ich werd jetzt auf Ihre Kamera zugreifen. Was ist denn da genau passiert?
A: Hier sind zwei Autos ineinandergekracht.
N: Jetzt bekommen Sie eine zweite Bestätigung.
A: Ja, hab ich bekommen und schon drauf geklickt.
N: So, jetzt sehe ich das Bild. Jetzt kann ich mir auch ein Bild von der Notfallsituation machen. Da sitzen zwei Personen in zwei Fahrzeugen?
A: Ja, genau.
N: Also während wir beide miteinander telefonieren, habe ich die Rettungskräfte schon alarmiert. Die Feuerwehr und der Rettungsdienst sind zu Ihnen unterwegs. Ich sehe, dass das keine Fahrzeuge sind, von denen eine Gefahr derzeit ausgeht. Wenn sich irgendetwas ändern sollte, rufen Sie mich bitte sofort wieder an.

Es gibt bereits weitere Interessenten für Notruftechnik

Kostenlos ist die Technik nicht: Laut Entwicklerfirma hängt der Preis von der Einwohnerzahl im Einzugskreis der jeweiligen Leitstelle ab. Im Rhein-Kreis Neuss leben knapp eine halbe Million Menschen – das kostet rund 50.000 Euro pro Jahr. In Zukunft könnte die Technik nicht nur in Neuss eingesetzt werden: Einige Leitstellen in Deutschland haben bereits Interesse gezeigt, sagt die Firma. 

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