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Die Französische Revolution kennt jeder, aber nur zwei Jahre später gab es eine weitere Revolution – und zwar in der französischen Kolonie Haiti. Dort malochten damals 400.000 schwarze Sklaven für knapp 30.000 weiße Grundherren. In ihrem Vortrag beschreibt Jeanette Ehrmann, wie die Revolution das Politische dekolonisierte.

Mit der Revolution in Haiti betreten versklavte Menschen die Bühne der Weltöffentlichkeit. Doch ihr Freiheitskampf wurde nicht in derselben Weise wahrgenommen wie die Französische Revolution, sagt Jeanette Ehrmann. Sie ist Politikwissenschaftlerin an der Uni Gießen. In ihrem Vortrag beschreibt sie, warum der Aufstand der Menschen in Haiti gezielt als unpolitisch dargestellt und verunglimpft wurde. Die Revolution habe die Französische Revolution entlarvt und gezeigt, die Ideale der Französischen Revolution gelten nur für Weiße. Das sei auch der Grund, warum die Haitianische Revolution so wenig bekannt ist, sagt Jeanette Ehrmann.

"Vormals versklavte Menschen besiegen die napoleonische Armee, Kolonialherrschaft und Versklavung werden bedingungslos abgeschafft, Haiti wird 1804 der erste postkoloniale Nationalstaat und die dritte moderne Republik der Welt."

Anführer der Haitianischen Revolution war Toussaint Louverture, ein Kind versklavter Eltern, die selbst noch in Afrika geboren wurden und mit einem Sklavenschiff in die Karibik verschleppt worden waren. Toussaint Louverture gelang die Militarisierung einfacher Plantagenarbeiter, die die napoleonische Armee besiegten. Dabei imitierten die Revolutionäre die französischen Kolonialherren in absurdem Maß und schmückten sich mit militärischem Prunk, sagt Jeanette Ehrmann und deutet das als eine widerständige Praxis. Es sei nicht um eine detailgetreue Nachahmung gegangen, erklärt die Politikwissenschaftlerin. "Das Original wurde transformiert und umgedeutet."

"Die Revolution bringt Schwarzsein als politische Identität hervor, verunmöglicht aber generische schwarze Weiblichkeit."

Durch die Imitation hätten die haitianischen Revolutionäre jedoch automatisch Männlichkeitsbilder reproduziert, erklärt Jeanette Ehrmann in ihrem Vortrag. Die Haitianische Revolution habe zwar rassistische Unterdrückung bekämpft, aber den Mythos einer revolutionären Männlichkeit nicht hinterfragt. So blieb unsichtbar, wer die Care-Arbeit während des Kampfes übernahm, wer sich um Essen, Kleider und Kinderbetreuung kümmerte. Die verdrängte Weiblichkeit der Haitianischen Revolution ist jedoch schwer zu rekonstruieren, weil es keine Quellen zur Rolle von Frauen in der Revolution gibt, sagt die Politikwissenschaftlerin.

Der Vortrag von Jeanette Ehrmann heißt: „Tropen der Freiheit. Die Haitianische Revolution und die Dekolonisierung des Politischen“ und sie hat ihn am 11. Februar 2021 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder gehalten.