Seit mehr als einer Woche gibt es in den USA Unruhen und Proteste. In Videos wird deutlich dokumentiert, wie Polizisten übergriffig werden. In der Polizei gilt: Gewalt ist eine Lösung. Unser Korrespondent Thilo Kößler sagt: Polizistinnen und Polizisten werden auf Krieg gegen das Verbrechen vorbereitet.

1099 Menschen. So viele Menschen sind voriges Jahr durch Polizeiwaffen in den USA getötet worden. Die Waffe sitzt bei US-amerikanischen Polizistinnen und Polizisten offenbar locker. Dazu kommt viel nicht tödliche Brutalität und Gewalt. In Social Media werden Videos geteilt, in denen die Polizei Situationen eskalieren lässt und Gewalt anwendet, gerade jetzt, nach den Protesten nach dem Tod von George Floyd.

Es gibt inzwischen unzählige solcher Videos, die zeigen, wie Polizisten gewalttätig und übergriffig werden. Dieses harte Vorgehen hat viel mit der Ausbildung zu tun, sagt Thilo Kößler, Deutschlandfunk-Korrespondent für die USA.

Denn die Ausbildung erfolge ganz einseitig an einem stereotypen Selbstbild: Es geht nicht um Schutz der Bürger, um Kooperation oder um den Gedanken, ein Partner der Gemeinden oder Stadtteile zu sein. "Sie werden nicht ausgebildet, deeskalierend zu wirken oder Konflikte zu vermeiden", erläutert Thilo Kößler, "die werden ausgebildet, in diesen Krieg zu ziehen, bereit zu jeder Eskalation, und den Kampf zu gewinnen, koste es, was es wolle". Dieses Vorgehen erkläre die hohen Opferzahlen von mehr als 1000 Toten voriges Jahr.

"Sie werden trainiert wie Soldaten, die in einen Krieg ziehen. In einen Krieg gegen das Verbrechen, gegen Terror, gegen Drogen."
Thilo Kößler, Deutschlandfunk-Korrespondent für die USA

Die Ausbildung zum Polizisten in den USA geht schnell. In einigen Staaten kann man sich in nur 19 Wochen zum Cop ausbilden lassen. Also in nicht einmal einem Jahr. Dabei, so berichtet die Neue Zürcher Zeitung, geht es nur ungefähr einen Tag darum, wie die Polizei deeskalierend wirken kann, also eine Extremsituation beruhigen kann. "Die Lerninhalte sind einseitig ausgerichtet auf die Durchsetzung von Recht und Ordnung", erklärt Thilo Kößler. Es geht um die Bewahrung des staatlichen Gewaltmonopols. Das ist eine besondere Herausforderung, in einem Land, in dem jeder Mensch eine Waffe tragen darf.

Keine einheitliche Polizei-Ausbildung

Dazu kommt, dass es keinen festen, landesweiten Ausbildungsplan gibt. 18.000 Polizeistationen gibt es in den Vereinigten Staaten, die allesamt weitgehend autonom agieren, sagt Thilo: "Das heißt, es gibt de facto 18.000 verschiedene Modelle der Ausbildung." Was in der Ausbildung vermittelt wird, bleibt den einzelnen Stationen überlassen - Ausbildung an der Waffe und Selbstverteidigung dominieren.

Konsequenzen müssen Polizistinnen und Polizisten für rabiates Vorgehen kaum fürchten. Oft gibt es nur eine Ermahnung. "Die Suspendierung der vier Polizisten, die am Tod von George Floyd beteiligt waren, war im Grunde schon ein Schritt nach vorne und völlig ungewöhnlich", sagt Thilo Kößler. Denn es gebe in den USA eine starke Solidarität zwischen Polizei und Justiz. 99 Prozent der Verfahren werden niedergeschlagen, fünf von sieben Fällen enden mit Freispruch. "Die Justiz ist hier tatsächlich auf einem Auge blind."