Zum Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo hat der belgische König Philippe erstmals öffentlich das koloniale Terrorregime des belgischen Monarchen Leopold II. bedauert – und anhaltenden Rassismus angeprangert.

Der Tod von George Floyd in den USA beschleunigt in Belgien eine Debatte, die schon lange im Gang ist - eine Debatte über Erinnerung und Verantwortung. Das Königreich muss mit einem blutigen kolonialen Erbe im zentralen Afrika umgehen, besonders in der heutigen Demokratischen Republik Kongo.

"Bedauern" der Kolonialvergangenheit

Zum ersten Mal in der Geschichte Belgiens hat sich nun ein Staatsoberhaupt für die Kolonialvergangenheit des Landes entschuldigt. In einem Brief an den Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo, Félix Tshisekedi, äußerte Philippe sein "tiefstes Bedauern für die Verletzungen der Vergangenheit" und sprach von Diskriminierungen in der Gesellschaft, die bis heute anhalten würden.

"Es ist mehr oder weniger das erste Mal überhaupt, dass sich ein belgischer König mit Bedauern an die Kongolesinnen und Kongolesen wendet."
Julien Bobineau, Literaturwissenschaftler

Die Entschuldigung ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung, sagt der Literaturwissenschaftler Julien Bobineau. In seiner Dissertation hat er die Kolonialzeit Belgiens im Kongo genau untersucht.

"Direkte Verantwortung bewusst vermieden"

Wenn man den Brief von Philippe an den kongolesischen Präsidenten allerdings genauer unter die Lupe nehme, falle auf, dass er sehr viele Passivkonstruktionen und Substantivierungen enthalte. So werde zum Beispiel gesagt, "Es wurden Gewaltakte begangen" oder "Die Kolonialzeit verursachte Leiden". Damit sei ganz bewusst vermieden worden, direkte Verantwortung zu übernehmen. Das habe natürlich auch rechtliche Gründe – etwa, wenn es um Reparationszahlungen geht.

Für die kongolesische Community in Belgien ist die Sache klar: Spätestens jetzt, 60 Jahre nach dem Ende der Kolonialherrschaft, müssten nicht nur die Statuen der Unterdrücker verschwinden. Belgien, das durch die Ausbeutung des Kongo reich geworden ist, muss sich auch mit dem Thema Reparationen auseinandersetzen.

"Historisch betrachtet basiert ja unser westlicher Wohlstand maßgeblich aus der kolonialen Ausbeutung. Auch in Belgien ist das der Fall gewesen."
Julien Bobineau, Literaturwissenschaftler

Tatsächlich sind viele Staaten durch die Ausbeutung afrikanischer Regionen reich geworden, sagt Julien Bobineau.

Ausbeutung des "Kongo-Freistaats"

Zur Zeit Leopolds II. ging es Belgien vor allem um den Rohstoff Gummiarabikum, also Naturkautschuk, der im Kongo besonders gut wuchs. Er wurde damals für die wachsende Automobilindustrie benötigt, außerdem für die Elektrifizierung der Großstädte, etwa in Europa oder in den USA. Bis 1908 wirtschaftete der – nur offiziell eigenständige – Kongo-Freistaat vollständig in Leopolds private Tasche, sagt Julien Bobineau. Von dem Geld ließ Leopold viele Gebäude errichten, darunter das Afrikamuseum in Tervuren oder den Triumphbogen in Brüssel, beide bis heute beliebte Sehenswürdigkeiten.

Diese Karikatur ist im Jahr 1907 im belgischen Satiremagazin „Les Corbeaux“ erschienen. Sie prangert mit beißendem Spott die angebliche Aufklärung von Kolonialverbrechen im Kongo durch eine belgische Untersuchungskommission an.
© imago images / KHARBINE-TAPABOR
Diese Karikatur ist im Jahr 1907 im belgischen Satiremagazin "Les Corbeaux" erschienen. Sie prangert mit beißendem Spott die angebliche Aufklärung von Kolonialverbrechen im Kongo durch eine belgische Untersuchungskommission an.

Die heutige Demokratische Republik Kongo war von 1885 bis 1908 das Privateigentum des belgischen Königs. Er beutete das Land grausam aus – während seiner Herrschaft kamen im Kongo rund 25 Millionen Menschen ums Leben.

Uran aus dem Kongo in Hiroshima-Atombombe

Nach 1908 habe dann der belgische Staat "übernommen" und es vorwiegend auf Kupfer und auch Uran abgesehen. Alle Gewinne aus diesem Rohstoffhandel seien in Belgien verblieben. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seien etwa mit diesem Uran bestückt worden.

"Die US-amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren maßgeblich gespickt mit radioaktivem Material aus dem Kongo."
Julien Bobineau, Literaturwissenschaftler

Die Taten der Belgier im Kongo sind nicht erst seit gestern bekannt. Trotzdem hat es 60 Jahre gedauert, bis es nun eine offizielle Entschuldigung gibt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte sei für Belgien doppelt schmerzhaft, sagt Julien Bobineau.

Einerseits müsse sich der Staat damit abfinden, dass er vordergründig an Einfluss und Weltgeltung verloren hat – viele Belgierinnen und Belgier kämen bis heute nicht mit diesem Verlust klar, in anderen europäischen Ländern sei das ähnlich. Gleichzeitig müsse sich Belgien mit äußerst unschönen Themen wie Mord, Vergewaltigung, Sklaverei und Unterdrückung auseinandersetzen, was große Überwindung koste.

Sich kritisch mit den eigenen Verfehlungen – und den Konsequenzen – auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen, habe in Belgien zu einer Verklärung und zu einer Tabuisierung der eigenen Kolonialgeschichte geführt.

Beschmierte Statuen

Im Zuge der Debatte um Rassismus und kolonialer Vergangenheit wurden auch in Belgien Statuen beschmiert bzw. gefordert, dass sie entfernt werden. Julien Bobineau empfiehlt, jedes Denkmal für sich zu betrachten. Er ist dagegen, sie wortlos zu entfernen. Stattdessen ist er dafür, sie durch Informationen zu kontextualisieren – etwa durch Kunst.

"Man könnte die Statuen durch kongolesische Künstler und Künstlerinnen bemalen lassen und eine Schautafel dazu stellen. So bliebe die Kolonialgeschichte im öffentlichen Raum präsent, wird aber hinterfragbarer und bietet eine Grundlage für Debatten."
Julien Bobineau, Literaturwissenschaftler