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Viele Dinge, die uns Angst machen, müssten das gar nicht – jedenfalls nicht so sehr, wie wir meinen. Andere Risiken wiederum, die wir dringend vermeiden sollten, nehmen wir viel zu wenig ernst. Das liegt an unseren Denkmustern aber auch an der Natur dieser neuen Gefahren. Der Risikoforscher Ortwin Renn erklärt, wieso wir uns vor den falschen Dingen fürchten.

Wovor fürchtet ihr euch? Vor einem Unfall auf der Autobahn? Vor einem Wohnungseinbruch? Oder habt ihr vielleicht Angst vor Impfungen? Vermutlich macht ihr euch Sorgen um Dinge, die nur sehr unwahrscheinlich eintreten, und unterschätzt gleichzeitig viel größere Risiken.

"77 Prozent der Menschen sagen, wir leben heute risikoreicher als früher. Wenn wir das vergleichen mit den Lebenserwartungswerten, dann wird klar: Das kann eigentlich nicht sein."
Ortwin Renn, Risikoforscher

Das jedenfalls beobachtet der Risikoforscher Ortwin Renn in unserer Gesellschaft. "Konventionelle" Risiken – damit meint er etwa Kriminalität oder Unfälle – bewerten wir viel zu hoch, sagt er.

Gesellschaftliche Errungenschaften, wie Hygiene, Medizin oder Schutztechnik hätten unser Leben im Vergleich zu früher viel sicherer gemacht.

Wir leben sicherer, als wir glauben

Bestimmte Risiken wiederum ignorieren wir, sagt Ortwin Renn. Obwohl sie uns viel wahrscheinlicher treffen könnten – gesundheitliche Schäden durch Bewegungsmangel oder Fehlernährung etwa.

Viel gravierender aber, so der Risikoforscher, ist unsere Wahrnehmung einer neuen Form von Risiken, der systemischen Risiken. Dazu zählen etwa der Klimawandel, Pandemien oder Finanzkrisen.

"Wir sehen das gerade jetzt auch in der Pandemie: Es ist ganz schwer, mit diesen Wahrscheinlichkeiten umzugehen."
Ortwin Renn, Risikoforscher

Anders als konventionelle Risiken zeichnen sich die systemischen zum Beispiel dadurch aus, dass sie hochkomplex sind. Sie überschreiten Grenzen – sowohl geografisch als auch zwischen Systemen wie etwa Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Politik. Und sie sind stochastisch, also mit Wahrscheinlichkeiten verbunden.

Systemische Risiken werden eher unterschätzt

Diese Risiken kennen wir nicht aus eigenem Erleben und eigener Erfahrung, so der Risikoforscher. In ihrer Komplexität, Globalität, Vernetztheit und Nicht-Linearität (Beispiel Kipppunkte) erscheinen sie uns nicht plausibel.

Das, neben anderen Punkten, die Ortwin Renn im Vortrag erklärt, mache es uns so schwer, sie richtig zu bewerten und angemessen auf sie zu reagieren.

"Wir müssen die systemischen Risiken angehen. Sie sind eine Bedrohung unserer Menschheit und sie gehen nicht von selber weg."
Ortwin Renn, Risikoforscher

Das müssen wir aber, warnt er eindringlich. In seinem Vortrag erklärt er, wie wir Risiken wahrnehmen und mitunter falsch bewerten, was konventionelle Risiken von systemischen unterscheidet und welche Konsequenzen wir daraus ziehen müssten.

Der Vortrag

Ortwin Renn ist Wissenschaftlicher Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam (IASS) und Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart.

Seinen Vortrag "Das Risikoparadox – warum wir uns vor dem Falschen fürchten" hat er am 12. Oktober 2021 im Rahmen der Vortragsreihe vhs.wissen live gehalten, die für diese Veranstaltung mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) kooperiert hat, deren Mitglied Ortwin Renn ist.

  • Hörsaal
  • Moderatorin:  Katrin Ohlendorf
  • Vortragender:  Ortwin Renn, Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam und Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart