Russland will mit allen Mitteln vermeiden, dass sich während der WM 2018 die Bilder der EM 2016 von Marseille wiederholen. Das staatliche Vorgehen gegen die Hooligans treibt sie in den Untergrund.

Noch in den 90er-Jahren orientierten sich die russischen Hooligans am Mutterland der Fußballgewalt: England. Es floss viel Alkohol, geprügelt wurde spontan und emotional. In den vergangenen Jahren haben sich die Hooligangruppen aber mehr in Kampfsportgemeinschaften verwandelt, berichtet der Sportjournalist Ronny Blaschke. 

Die jungen Männer trainieren ihre Körper in Sportstudios, Drogen und Alkohol sind tabu. Der Fußball ist nur noch das Ventil für Aggressionen, sagt Ronny. Inzwischen organisieren sich die Hooligans über verschlüsselte Foren und tragen bei Schlägereien Gesichtsmasken und Kampfhandschuhe.

"Die Hooligans glauben, dass sie eine Speerspitze einer Gesellschaft sind. Russland, 100 ethnische Gruppen, die suchen immer noch eine gemeinsame Identität."
Ronny Blaschke, Sportjournalist

Solche Gewaltexzesse wie in Marseille während der EM 2016 seien eher selten, sagt Ronny. Die russische Regierung hat ihren Sicherheitsapparat seit dem vergangenen Jahr verstärkt: Hausdurchsuchungen bei Hooligananführern, das Verbot mancher Gruppen und Festnahmen von Mitgliedern sind die Folge. Ronny rechnet damit, dass die Versammlungsfreiheit während der WM 2018 weiter eingeschränkt wird.

All diese Maßnahmen zusammen treiben die Hooligans in den Untergrund. Deshalb finden Schlägereien im Wald oder in stillgelegten Industriebrachen statt.

Ronny schätzt, dass die Hooliganszene im Vergleich zu den russischen Fußballfans mit wenigen Tausend eher klein ist. Bemerkenswert findet er, dass die Hooligans Meinungen transportieren, die in der breiten Gesellschaft verankert sind. Viele Menschen kompensieren ihre sozialen Sorgen mit Ablehnung der "äußeren Feinde" wie Minderheiten aus dem Kaukasus und Zentralasien, sagt Ronny. Genau gegen diese Minderheiten machen Hooligans beispielsweise Stimmung und skandieren antimuslimische Parolen.

Hooligans und die Rechtsextremen

Dass es sich bei den Hooligans um "Kreml-Krieger" handele, wie oft ein Vorwurf lautet, bezweifelt Ronny. Allerdings bannt die Politik in Russland nicht mit einer Stimme die Gewalttaten der Hooligans als inakzeptable Straftaten. Politiker wie der stellvertretende Parlamentspräsident Igor Lebedew loben förmlich die Schlägereien und sehen im "Hooliganismus" gar eine Sportart. 

Einige Regionalpolitiker greifen auf die Hooligans auch als Schlägertrupp gegen unliebsame Demonstranten zurück. Eine Entwicklung, die auch bei Rechtsextremen in europäischen Ländern zu sehen ist wie bei der "Goldenen Morgenröte" in Griechenland, bei "Jobbik" in Ungarn oder bei Pegida in Dresden, wo Hooligans als eine Art Bürgerwehr auftauchen.

Repression statt Prävention

Anders als in der Ukraine und Polen bei der EM 2012 oder in Frankreich 2016 fördert der russische Staat keine Jugendhilfeprojekte, um proaktiv gegen die Hooliganszene vorzugehen. "Die Idee der Prävention setzt sich in Russland einfach nicht durch, weil Putin eine unfassbare Angst vor Machtverlust hat", sagt Ronny. "Sobald sich Menschen in Gruppen zusammentun, glaubt er, da könnte irgendetwas Negatives für ihn entstehen." 

Diese Paranoia gipfelt in der Beschuldigung, bestimmte Vereine oder Organisationen seien von ausländischen Agenten gesteuert und werden teilweise verboten. Nicht wenige hätte inzwischen aufgegeben, schließt Ronny.

Mehr zu den russischen Hooligans: