Lina ist 23 Jahre alt und die erste Deutsche, die erfolgreich die Einhand-Regatta "Mini Transat" gemeistert hat. Sie hat auf einem nur 6,50 Meter langen Boot den Atlantik überquert - ganz alleine.

Einhand-Segeln bedeutet: Eine Person macht alles. Allein. "Insofern muss man sich das alles einteilen und kann 20 Minuten am Stück schlafen. Das Schlafmanagement ist wirklich eine der wichtigsten Sachen", sagt Lina Rixgens. Das Problem: Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann fällt der Schlaf manchmal auch komplett aus.

"Wenn es nichts anderes zu tun gibt, schläft man, aber es gibt immer wahnsinnig viel zu tun."

Da es eine Regatta ist – also ein Wettrennen – geht es darum, das Boot möglichst schnell zu segeln. Lina schaut also ständig, ob sie die Segel noch etwas anders setzen könnte, um die Geschwindigkeit zu optimieren. Einmal am Tag gibt es einen Wetterbericht, der dann auch Einfluss darauf hat, wie sie das Boot navigiert, um möglichst vom Wind zu profitieren, aber nicht in Unwetter zu geraten.

Lina Rixgens auf ihrem Boot nach dem Start in La Rochelle.
© blondsign | Eike Schurr
Lina Rixgens auf ihrem Boot nach dem Start in La Rochelle.

Das Essen hat Lina während der Atlantiküberquerung ziemlich einfach gehalten. Sie hatte einen Gaskocher dabei. Damit hat sie Wasser erhitzt und darin dann gefriergetrocknetes Essen ein paar Minuten ziehen lassen. Fertig.

Für Viele ist die Vorstellung krass, dass Lina nie mehr als 20 Minuten am Stück schlafen kann. Aber die Seglerin meint, es sei erstaunlich, wie schnell sich der Körper an diesen Rhythmus gewöhne. Es läuft so, dass der Wecker immer nach 20 Minuten klingelt. Dann schaut Lina, ob alles in Ordnung ist, ob die Segel richtig stehen, ob kein Schiff in der Nähe zu sehen ist und ob der Wind noch richtig steht. Wenn alles Okay ist, stellt sie den Wecker sofort für weitere 20 Minuten. Sie komme damit auf insgesamt vier bis fünf Stunden Schlaf insgesamt – für eine begrenzte Zeit sei das durchaus machbar, sagt Lina.

Eine Gefahr: die Kollision mit einem schlafenden Wal

Die Regatta, von der Lina erzählt nennt sich "Mini Transat". Das bedeutet, dass die rund 80 Segler in etwa vier Wochen den Atlantik überqueren. Jeder alleine in seinem eigenen Boot. Und der Zusatz Mini bezieht sich in diesem Fall auf die Größe der Boote, denn die sind mit einer Länge von 6,50 und einer Breite von 3 Metern verhältnismäßig klein. Die Boote sind sehr schnell, wenn der Wind von hinten kommt – und das ist auf dieser Route meistens der Fall. Die Regatta startet an der französischen Küste bei La Rochelle, führt dann über die Kanaren, vorbei an den Kapverden in die Karibik zur Insel Martinique. 

Das Boot von Lina Rixgens mit einer Drohne fotografiert.
© blondsign | Eike Schurr
Das Boot von Lina Rixgens.

Lina hat sich zwei Jahre lang auf diesen Wettkampf vorbereitet. Trotzdem verläuft so ein langer Segeltrip nicht ganz ohne Probleme. Lina hatte zum Beispiel immer wieder Schwierigkeiten mit dem Autopiloten: "Das war so das Schwerwiegendste, weil man ohne Autopiloten aufgeschmissen ist, weil das Boot dann nicht mehr schnell genug in die richtige Richtung fährt", sagt sie. Für eine allein Segelnde ist das problematisch, weil sie dann die ganze Zeit am Steuer sitzen muss - keine Zeit hat zu schlafen,  zu essen oder die Segel zu optimieren.

"Die Mini Transat ist eine sehr einsame Regatta, wir können mit niemandem an Land reden - auch nicht per Satellitentelefon, sondern nur per Funkgerät."

Lina sagt, das Schwierigste aber ist das Zurechtkommen mit wenig Schlaf. Wenn alles gut läuft, kommt sie mit diesem Minimum an 20-Minuten-Schläfchen irgendwie aus, aber sobald etwas Unvorhergesehenes passiert und diese Schlafphasen dann auch noch wegfallen, wird es heftig. "Dann kommt man irgendwann schon in so nen roten Bereich und fängt an, zu halluzinieren." Auch Lina hatte auf ihrer Atlantiküberquerung Halluzinationen.

"Ich habe Stimmen gehört und ich habe andere Personen gesehen, die auf mein Boot wollten - das ist immer dieser Bereich, den man versucht, zu vermeiden."

Es gibt viele harte Momente, wenn man vier Wochen lang alleine auf einem Segelboot sitzt, wenn es windet, regnet, die Wellen von allen Seiten aufs Boot brechen und Lina völlig durchnässt ist. Aber es gibt eben auch ganz andere Seiten, zum Beispiel wenn Delfine ums Boot schwimmen, fliegende Fische aus dem Wasser springen und die Natur sich in ihrer schönsten Form zeigt.

"Wale habe ich dreimal gesehen. Das ist auch immer ein erschreckender Moment, weil die halt größer als mein Boot sind."
Lina bei ihrer Ankunft in Martinique - nach 30 Tagen alleine auf ihrem Boot.
© blondsign | Eike Schurr
Das Boot von Lina Rixgens.

Als Lina nach 30 Tagen in Martinique ankam, wurde sie dort von anderen Teilnehmern und auch von ihren Eltern in Empfang genommen. Zur Begrüßung wurde Lina ins Wasser geworfen, außerdem gab es frisches Obst und einen Tea Punch. Für Lina war es ein grandioses Gefühl, dass sie diese Regatta tatsächlich alleine gemeistert hat. Aber wer 30 Tage lang unterwegs war, nur 20 Minuten am Stück geschlafen und nur gefriergetrocknete Mahlzeiten gegessen hat, der freut sich dann auch ganz besonders wieder über kleine Dinge im Leben: eine Dusche, ein langer Schlaf im richtigen Bett, Obst und ein frischer Orangensaft.

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