Wir fühlen mit Geflüchteten mit und wollen helfen. Allerdings gibt es oft mehr zu bedenken, als uns möglicherweise klar ist, wenn wir uns dafür entscheiden, jemanden bei uns aufzunehmen.

Fast den ganzen März lang stand ein Zimmer in der Berliner WG von Wenzel und seiner Mitbewohnerin frei. Die beiden entschieden sich dazu, Martin aufzunehmen, der aus der Ukraine geflüchtet ist, nachdem der Krieg ausgebrochen war. Martin kommt ursprünglich aus Nigeria und hat in der Ukraine studiert. Der Kontakt zu Martin wurde Wenzel durch "Each One Teach One" (EOTO) vermittelt, einer Organisation, die sich für People Of Colour einsetzt.

Ein Schlafplatz und der gute Wille zu helfen

Als Martin in Wenzels WG ankam, hatte er nur eine große Sporttasche mit ein paar Klamotten darin, seinen Laptop, sein Mobiltelefon, Ausweisdokumente und 60 Euro in bar dabei. Den größten Teil seiner Sachen hatte er zurücklassen müssen, als er aus der Ukraine geflüchtet ist. Vor seiner Ankunft hatten Wenzel und seine Mitbewohnerin das leerstehende WG-Zimmer hergerichtet und die Wände dekoriert, damit es etwas gemütlicher ist.

"Er war dann halt auch irgendwie auf unsere Hilfe angewiesen, womit wir auch erst gar nicht gerechnet haben, dass wir uns dann auch so darum kümmern müssen."
Wenzel hat Martin, der aus der Ukraine geflüchtet ist, in seiner Berliner WG aufgenommen

Mindestens 300.000 Menschen sind seit dem 24. Februar 2022 wie Martin aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Zumindest ist das die aktuell registrierte Zahl – die tatsächliche Zahl wird deutlich höher geschätzt, da ukrainische Bürger*innen sich 30 Tage ohne Visum in der EU aufhalten dürfen.

Die Hilfsbereitschaft ist groß, dadurch konnten viele Geflüchtete privat untergekommen. "Unterkunft Ukraine" ist eine der Websites, die Gesuche und Angebote listet. Bisher werden 160.000 Unterkünfte angeboten. Aber ein Schlafplatz allein reicht oft nicht aus, um den Geflüchteten zu helfen.

Staatliche Unterstützung erst nach der Registrierung

Wenzel und seine Mitbewohnerin haben ihr Essen und vieles für den alltäglichen Bedarf mit dem Geflüchteten geteilt. Martin hatte das Glück, dass jemand ihm 300 Euro gespendet hat und eine andere Person ihm einen Großeinkauf spendiert hat. Im März ist Martin dann nach Frankfurt am Main weitergereist, weil er erfahren hat, dass man sich dort leichter registrieren lassen kann.

"Wie lange kann ich eine Unterbringung anbieten und wo sind meine Grenzen? Was erwarte ich davon, wenn ich jemanden in mein privates Haus einlade?"
Andrea Schlenker, Referat Migration und Integration beim Deutschen Caritasverband

Aber ein Übernachtungsplatz, Essen und Unterstützungen bei bürokratischen Dingen reicht oft nicht aus. Viele Menschen sind durch ihre Erlebnisse traumatisiert.

Eine der Fragen, die wir uns vorab stellen sollten, ist: "Wie belastbar und stabil bin ich auch als Gastgeber?", sagt Andrea Schlenker, Referat Migration und Integration beim Deutschen Caritasverband.

Und wir sollten uns klar machen, dass man nicht "Dankbarkeit erwarten darf, sondern das liefern sollte, was gerade nötig ist", sagt Felix Oldenburg von der Vermittlungsplattform "Unterkunft Ukraine".

Denn als jemand, der einen Geflüchteten bei sich aufnimmt, sollten wir uns vorab Gedanken darüber machen, dass diese Menschen nach einer mehrtägigen Flucht erst einmal ankommen wollen und wahrscheinlich Ruhe und etwas Privatsphäre benötigen. Das kann für den Gastgebenden auch eine Herausforderung sein, sagt Andrea Schlenker vom Deutschen Caritasverband.

"Da sollte man und darf man nicht Dankbarkeit erwarten, sondern sollte das liefern, was gerade nötig ist. Das kann auch heißen, dass man die Ankommenden bei der Registrierung unterstützt, und es ein paar Tage dauern kann, bis sie öffentliche Leistungen erhalten."
Felix Oldenburg der Vermittlungsplattform "Unterkunft Ukraine"