Forscher widerlegen den sogenannten Midas-Effekt. Wenn wir von anderen berührt werden, sind wir daraufhin nicht unbedingt großzügiger.

Ein kleines Gedankenspiel: Ihr geht gerade einkaufen. Vor dem Supermarkt steht ein Mensch mit einem Hund. Den kann er leider nirgendwo anbinden, deswegen bittet er euch, kurz auf den Hund aufzupassen. Dieser Mensch hätte größere Chancen, dass ihr das macht, wenn er euch bei seiner Bitte mal kurz anfasst - am Arm zum Beispiel oder an der Schulter.

Der Zusammenhang zwischen Erfüllung einer Bitte und körperlicher Berührung ist der sogenannte Midas-Effekt: Midas war ein König in der griechischen Mythologie, der alles, was er berührt hat, in Gold verwandeln konnte. Diesem Midas-Effekt zufolge werden Menschen großzügiger, wenn sie von ihrem Gegenüber kurz angefasst werden.

Stimmt so vielleicht nicht

Eine Forschergruppe aus Wien hat sich diesen Midas-Effekt jetzt noch einmal genauer angeschaut und kommt zu dem Schluss: Die bisherige Annahme stimmt so nicht.

Nerven in der Haut signalisieren, wie angenehm wir Berührungen finden

Bisher wurde angenommen, dass für den Midas-Effekt eine bestimmte Zellengruppe verantwortlich ist, die sogenannten CT-Fasern. "Die CT-Fasern sind Nerven, die in unserer Haut vorkommen, und die senden ans Gehirn Informationen darüber, wie angenehm wir Berührungen finden. Darum werden die auch Kuschelnerven genannt", erklärt Lisa Rosenberger, Doktorandin der Neuroökonomie an der Uni Wien.

Nicht nur Menschen haben diese Kuschelnerven, sondern auch viele andere Säugetiere, bei denen das Sozialverhalten eine große Rolle spielt.

Lisa Rosenberger war jetzt an einer Studie beteiligt, die den Zusammenhang von CT-Fasern und dem Midas-Effekt untersucht.

"Wir haben gesunde Studenten untersucht. Und wenn die Teilnehmer ins Labor kamen, haben wir Streicheleinheiten mit denen durchgeführt."
Lisa Rosenberger, Doktorandin der Neuroökonomie an der Uni Wien

Die Studenten waren aufgeteilt in drei Gruppen:

  1. Die Teilnehmer der ersten Gruppe mussten sich auf einen Stuhl setzen und bekamen dort drei Minuten lang mit einem weichen Pinsel den Unterarm gestreichelt. 
  2. Bei der zweiten Gruppe war ebenfalls der Pinsel im Spiel, allerdings wurde hier der Arm nur sanft getupft – was die CT-Fasern viel weniger stimuliert.
  3. Die Teilnehmer der dritten Gruppe wurden gar nicht berührt, sondern mussten ein vollständig sinnfreies Video mit geometrischen Figuren anschauen.

Danach mussten sich alle Probanden vor einen Computer setzen und ein Vertrauensspiel spielen, bei dem man überprüfen konnte, wie hilfsbereit sie waren.

Berührung hat die Großzügigkeit nicht beeinflusst

Lisa Rosenberger sagt: "Wir haben in allen Studien beobachtet, dass unsere Versuchsteilnehmer sehr großzügig sind, aber dass diese Berührung keinen Einfluss drauf hatte, wie großzügig die sind. Und das finden wir natürlich enttäuschend." Denn damit platzt die Annahme, dass es den Midas-Effekt gibt. 

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