In Afghanistan wird die Informationslage immer unübersichtlicher, die Situation für Journalistinnen und Journalisten stetig gefährlicher. Während westliche Medien sich mühen, noch verlässliche Informationen aus dem Land zu sammeln, versucht die Presse dort, irgendwie weiter für die Afghanen arbeiten zu können – und sei es aus dem Exil.

Wie viele Anschläge? Wie viele Tote und Verletzte? Wer steckt dahinter? Diese und viele andere Fragen haben wir uns diese Woche immer wieder gestellt. Aber diese Fragen sind gar nicht so leicht zu beantworten – denn die Informationslage in Afghanistan wird zunehmend unübersichtlicher. Es gibt dort kaum noch neutrale, professionelle Beobachter, dafür aber umso mehr Propaganda und Gerüchte.

Afghanistan: Kaum noch verlässliche Informationen

Silke Diettrich ist ARD-Korrespondentin für Afghanistan. Ihr kommt diese Problematik sehr bekannt vor, sagt sie bitter. Als Korrespondentin ist ihre Base in Neu Delhi, von hier aus betreut sie für die ARD eine ganze Reihe von Ländern. Schon vor der Machtübernahme durch die Taliban bekam sie eine Großzahl ihrer Informationen von den vielen Mitarbeitern vor Ort, die jahrelang dort waren und der ARD Infos geliefert haben. Die sind nun geflohen – oder versuchen im schlimmsten Fall noch, irgendwie aus dem Land wegzukommen.

"Wir sind da auch in einer extrem schlechten Situation, ständig zu fragen, wie sieht es jetzt hier aus, was machst du da gerade und kannst du da noch mal gegenchecken? Weil diese Menschen versuchen gerade, ihr Leben zu retten."
Silke Diettrich, ARD-Korrespondentin für Afghanistan

Gegenchecken war schon früher nicht einfach, sagt Silke Diettrich, aber nun müssen die Korrespondenten und Korrespondentinnen auf die offizielle Bestätigung der Taliban warten, die nun die Machthaber sind. Und da ist einfach viel Propaganda dabei, sagt sie.

Zwar ist noch das amerikanische Militär am Flughafen in Kabul, aber auch bei dessen Informationen ist die Korrespondentin skeptisch, erklärt sie. Beweisen lassen sich auch diese Aussagen nicht – nur zitieren.

Augenzeugenberichte mit Videobeweis

Augenzeugen sind eigentlich die einzige Chance derzeit, erklärt die Korrespondentin. Aber auch mit deren Berichten müsse man natürlich vorsichtig sein. Wenn es nicht zu gefährlich ist, bittet Silke Diettrich sie, Videos zu drehen und dabei zu erzählen, was sie gerade sehen. So lässt sich zumindest ein bisschen sicherstellen, dass an den Informationen etwas dran ist, die ihr geliefert werden.

Unter den Taliban ist zu erwarten, dass die Berichterstattung aus Afghanistan noch schwieriger wird, befürchtet unsere Korrespondentin. Zwar behauptete die Miliz bei der Machtübernahme, sie wolle die Freiheit der Presse respektieren, aber die Realität sah bereits zuvor anders aus. Silke Diettrich weiß von afghanischen Journalisten, dass die Taliban schon lange versuchen, Einfluss zu nehmen und auch Journalisten getötet haben. Trotzdem gebe es unter ihnen auch noch Hoffnung, dass die Presse vielleicht doch noch weiterarbeiten könne.

Die afghanische Medienlandschaft hatte sich gut entwickelt

Anne Renzenbrink ist bei Reporter ohne Grenzen als Referentin zuständig für Afghanistan. Sie sagt: Obwohl das Land im jährlichen Ranking der Organisation immer unter den Ländern rangierte, in denen es extrem gefährlich ist für Journalistinnen und Journalisten, hatte sich dort in den letzten zwanzig Jahren nach dem Fall des Taliban-Regimes 2001 eine plurale und lebendige Medienlandschaft entwickelt.

Anne Renzenbrink, Reporter ohne Grenzen - Das ganze Gespräch hier im Audio.
"Wir sprechen hier wirklich von mehreren Nachrichten-Agenturen, Dutzenden Fernseh- und Radiosendern, fast 200 Printmedien, wo wirklich diverse Themen behandelt wurden, wo etwa auch Journalismus von Frauen betrieben wurde, auch für Frauen."

Die Zukunft dieser Medienlandschaft steht jetzt auf dem Spiel und ist völlig ungewiss, sagt Anne Renzenbrink. Erste Medien wurden bereits geschlossen, andere mussten religiöse Inhalte oder Propaganda senden, berichtet sie. Journalistinnen und Journalisten, die weiter arbeiten, schwebten in akuter Lebensgefahr.

"Die Taliban gehören zu den größten Feinden der Pressefreiheit weltweit."
Anne Renzenbrink, Reporter ohne Grenzen

Schon vor ihrer Machtübernahme bedrohten die Taliban die Presse, schränkten sie ein, übten Gewalt gegen sie aus, erzählt auch sie. Um den afghanischen Journalismus zu retten, spielten nun Exilmedien eine große Rolle. Erste Medien hätten bereits begonnen, in Nachbarländer auszuweichen, um die Menschen in Afghanistan von dort aus über Satelliten beispielsweise zu erreichen.

Fonds für den Aufbau afghanischer Exilmedien in westlichen Ländern

Allerdings können sich das nicht alle Medien leisten und wirklich geeignet seien die meisten Länder in der Region auch nicht, weil es auch dort mit der Pressefreiheit nicht zum Besten stehe.

Reporter ohne Grenzen fordert deshalb, auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern den Aufbau afghanischer Exilmedien zu unterstützen. Den UN-Sicherheitsrat ruft die Organisation unter anderem dazu auf, einen Fonds für diesen Zweck einzurichten.