99.000 geflüchtete Menschen und 99.000 Mal die bange Frage: Darf ich in Deutschland bleiben? Viele dieser Menschen brauchen eine Therapie, weil sie schreckliche Dinge erlebt haben. Aber so lange sie nicht wissen, wie es weitergeht, ist eine Therapie schwierig.

Fast ein Drittel der geflüchteten Menschen leidet unter Angststörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder Depressionen, sagt die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin. Psychologen könnten diesen Menschen helfen. Das sei aber deutlich schwieriger, wenn nicht klar ist, ob sie bleiben dürfen - oder in ihr Heimatland zurück müssen. 

"Traumatische Erfahrungen zu haben mit der Unsicherheit, ob man hier überhaupt ein neues Leben aufbauen kann, ist natürlich ein Stressor, der die Patienten belastet - und der es manchmal unmöglich macht, sich von diesen Gedanken zu trennen."
Psychotherapeut Michael Hoshino

Shoul kennt das nur zu gut: Vor fünf Jahren ist er aus Bangladesch nach Deutschland geflohen, weil er als Christ in seinem Heimatland bedroht wurde. "Bei ihm war die Angststörung vordergründig", sagt Shouls Therapeut Pirathebaan Ganeshamoorty.

Kein Therapieerfolg

Shoul hat gegen seinen ersten Ablehnungsbescheid Klage eingereicht und eine Therapie begonnen - beides mit Unterstützung von Flüchtlingshelfern, sagt er. Die hatten beobachtet, dass er depressiv war, Panikattacken hatte und nicht mehr schlafen konnte. Sein Therapeut hat erst mal Atemübungen mit ihm gemacht, um den Stress in richtige Bahnen zu lenken. Später kam eine Gesprächstherapie dazu und eigentlich war Shoul auf einem guten Weg. Doch dann kam der zweite Ablehnungsbescheid.

"Wenn ich zurückgehe, werde ich viele Probleme haben. Ich darf nicht arbeiten, habe kein Geld, kein Essen."
Shoul aus Bangladesch

Durch den Ablehnungsbescheid war jeglicher Therapieerfolg erst einmal hinfällig, sagt Shouls Therapeut. Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin fordert darum: schnellere Entscheidung über den Aufenthaltsstatus. 

Zwei bis elf Monate dauert ein Asylverfahren 

Flüchtlinge, die in diesem Jahr einen Asylantrag gestellt haben, mussten bisher im Schnitt zwei Monate auf eine Entscheidung warten. Die durchschnittliche Dauer aller Verfahren liegt noch bei fast elf Monaten. Und das ohne die zusätzlichen Wartezeiten bei Asylklagen. Dabei wäre es so wichtig, dass sich diese Zeit verkürzt. Denn die Voraussetzungen für eine Therapie ändern sich grundlegend, wenn die Menschen erfahren, dass sie bleiben dürfen, so Psychologe Hoshino. 

"Es kommt automatisch zu einem generellen Abfallen des Stressniveaus, also das Gehirn filtert weniger Gefahrenreize raus."
Psychotherapeut Michael Hoshino

Für Shoul hat das Warten und Hoffen nun ein Ende - er weiß mittlerweile, dass er in Deutschland bleiben darf. Im vergangenen Jahr wurde sein Asylantrag doch noch genehmigt - auf Empfehlung einer Härtefallkommision. Und wohl auch, weil sich Freunde und Bekannte mit einer Unterschriftenliste für ihn eingesetzt hatten. Jetzt geht es ihm schon etwas besser. 

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