Seit über 50 Tagen wird die Ukraine durch den russischen Angriffskrieg zerstört. Neben dem unfassbaren Leid der Menschen hat der Krieg auch massive Folgen für die Umwelt – und das schon seit dem Beginn des Kriegs vor acht Jahren. Die großflächige Bombardierung heute verschlimmert die Situation.

Kriege schaden – den Menschen und der Umwelt. Regionen werden unbewohnbar, Grundwasser wird verschmutzt, Boden wird durch Kampfmittel oder ausgetretene Chemikalien verseucht.

Verseuchtes Trinkwasser

In den Bergbaugebieten im Donbass im Osten des Landes war die Situation schon vor acht Jahren, als der Krieg gegen die Ukraine begann, besorgniserregend.

Besonders die Wasserfilterstationen in der Region haben das Risiko eines Chemieunfalls erhöht, erklärt Wim Zwijnenburg von der niederländischen Friedensorganisation Pax. Als Projektleiter für humanitäre Abrüstung beobachtet er mögliche Gefahren für die Umwelt durch den Krieg in der Ukraine.

In den Anlagen befinden sich große Mengen an Chlor, um Wasser zu desinfizieren und um die Trinkwasserversorgung zu garantieren. Im schlimmsten Fall könnte ein Angriff auf eine Wasserfilterstation in einem Chemieunfall enden.

Laut Wim Zwijnenburg standen die Wasseraufbereitungsanlagen in den vergangenen Jahren immer wieder unter Beschuss. Als 2015 ein Angriff einen Stromausfall verursacht hat und in der Folge zwei große Filteranlagen außer Betrieb gesetzt waren, hatten rund 830.000 Menschen in der Nähe von Donetsk kein sauberes Trinkwasser mehr.

Lahmgelegte Industrie

Auch die Kohleminen im Donbass stellen ein Risiko dar. Seit Kriegsbeginn wurde in dem Gebiet etwa 60 Prozent weniger Kohle gefördert. Viele Minen sind geschlossen, manche durch Beschüsse zerstört.

Wenn es regnet, sickert das Wasser durch die Erd- und Gesteinsschichten aber weiterhin in die Schächte der Bergwerke. Oft ist das Grubenwasser mit Salzen und Metallen verseucht. In der Regel wird es abgepumpt, was die Minen vor dem Überschwemmen schützen soll. Passiert das nicht, können die giftigen Stoffe allerdings ins Grundwasser kommen. Für die Menschen dort würde das wiederum bedeuten, dass sie kein sauberes Trinkwasser hätten.

Radioaktive Abfälle

Hinzu kommen auch radioaktive Abfälle, die in einigen Minen lagern. Würden diese Minen überflutet und "die giftigen radioaktiven Abfälle würden austreten und in den örtlichen Fluss gelangen, wird ein Teil der Region für Jahrzehnte unbewohnbar sein, das ist die Einschätzung internationaler Organisationen", sagt Wim Zwijnenburg.

Gerade sei allerdings unklar, wie wahrscheinlich so ein Szenario ist. Denn viele der Bergwerke würden von prorussischen Separatisten kontrolliert, die keine Informationen darüber weiterleiten oder es selbst nicht wissen.

"Es besteht ein gravierender Mangel an Daten in diesen Gebieten. Die meisten dieser Bergwerke, in denen radioaktive und giftige Abfälle gelagert werden, stehen unter der Kontrolle der Separatisten."
Wim Zwijnenburg, Projektleiter für humanitäre Abrüstung Friedensorganisation Pax

Verschmutzte Luft

Neben verseuchtem Grundwasser ist die Verschmutzung der Luft eine weitere Gefahr, zum Beispiel durch Asbest. Der krebserregende Stoff wurde in der Ukraine in vielen Wohnhäusern als Baustoff eingesetzt. Zerstören Bomben die Wohnhäuser kann das Asbest in feine Fasern zerfallen, die tief in die Lunge, in das nahe liegende Gewebe oder Organe eindringen und dort Jahre später Tumore verursachen können.

Von einer solchen Luftverschmutzung wären nicht nur die Menschen in dem Ort betroffen, wo das Asbest freigesetzt würde. Wind oder andere Wetterbedingungen könnten den krebserregenden Stoff auch in die umliegenden Regionen tragen. "Eigentlich müsste man die Menschen in einem sehr großräumigen Gebiet mit guten Filtern und Masken ausstatten, um sich davor schützen zu können. In Kriegsgebieten ist das natürlich nur eine theoretische Denkweise", erklärt Sarah Fluchs, Umweltökonomin beim Institut der deutschen Wirtschaft.

Blindgänger auf dem Acker

Auch für die Landwirtschaft sind Beschüsse ein Problem. Dabei geht es weniger um die chemischen Substanzen im Sprengstoff oder die Bombenhülle, so Wim Zwijnenburg, als um Blindgänger.

Denn: Explodiert eine Bombe nicht und endet auf einem Feld, müsste die Bombe von Expert*innen entschärft werden. Theoretisch müssten alle Felder erst auf Blindgänger überprüft werden, bevor sie wieder landwirtschaftlich bewirtschaftet werden können. Und dafür braucht es Fachkräfte, die es im Zweifelsfalls aber nicht gibt, weil sie wegen des Krieges geflohen oder sogar ums Leben gekommen sind.

"Ich würde durchaus einschätzen, dass die Möglichkeit, dass wir auf eine Umweltkatastrophe hinsteuern, sehr groß ist."
Sarah Fluchs, Umweltökonomin, Institut der deutschen Wirtschaft

Umweltökonomin Sarah Fluchs schätzt, dass das Risiko einer Umweltkatastrophe in der Ukraine heute deutlich höher ist als zu Kriegsbeginn 2014. "Einfach aus dem Grund, weil wir im Vergleich zu 2014 auch mit einer viel großflächigeren Bombardierung konfrontiert sind." Zudem könne die Kette möglicher Umweltzerstörungen in einem Kriegsgebiet sehr lang sein – und sich auch über die Grenze der Ukraine auswirken.