Eine eigene Wohnung als Rückzugsort – das ist für viele von uns selbstverständlich. Für Frauen, die vor häuslicher Gewalt geflohen sind, ist es aber oftmals schwer, eine Wohnung zu bekommen. Initiativen wie Step 2 aus Köln helfen bei der Wohnungssuche.

Offizielle Zahlen zu häuslicher Gewalt aus dem letzten Jahr gibt es nicht. Doch das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" zählte im letzten Jahr fast 45.000 Beratungen und damit einen Anstieg von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Sorge, dass häusliche Gewalt im Zuge der Corona-Pandemie zusätzlich zunimmt, ist groß.

Deshalb sind Initiativen wie Step 2 von der Diakonie Michaelshoven in Köln zurzeit besonders wichtig. Sie wollen Frauen vor ihren gewalttätigen Partnern schützen und ihnen helfen, auf dem angespannten Wohnungsmarkt einen persönlichen Rückzugsort zu finden.

"Gelebt wie ein Tier"

Mirja, deren Name wir geändert haben, ist Mitte 30 und hat die Hilfe von Step 2 in Anspruch genommen. In ihrer nordafrikanischen Heimat lernte sie ihren zukünftigen Mann aus Deutschland kennen. Sie heirateten und er holte sie 2015 nach Deutschland, versprach ihr ein besseres Leben mit mehr Geld, einer großen Wohnung und einem schicken Auto.

Stattdessen sei sie nach Deutschland gekommen und wurde von ihrem Mann in einem kleinen Zimmer ohne Bett und Küche gehalten. Als Mirja schwanger wurde, gab er ihr nur kalte Milch und Brötchen zum essen, erzählt sie.

"Ich bin nach Deutschland gekommen, aber es gab keine richtige Wohnung, nur ein Zimmer. Keine Matratze, kein Bett. Ich musste auf dem Boden schlafen. Keine Küche, gar nichts."
Mirja, Opfer von häuslicher Gewalt

Ihr Mann jobbte in einem Restaurant und hatte darüber ein kleines Zimmer gemietet, in dem er sie jeden Tag alleine ließ und einsperrte. Wenn er arbeiten ging, kappte er das Internet und kam nach vielen Stunden betrunken und aggressiv zurück. Mehrfach schlug, trat und quälte er Mirja, bis die Nachbarn sie nach einer nächtlichen Attacke befreiten und ins Krankenhaus brachten.

Nachdem der Arzt ihr nach vier Tagen bestätigte, dass mit ihr und dem Kind alles in Ordnung sei, schlug er ihr vor, in einem Frauenhaus Hilfe aufzusuchen. Mirja willigte ein.

"Ich bin etwa vier Tage im Krankenhaus geblieben, dann hat der Arzt gesagt: Jetzt ist wieder alles in Ordnung bei dir und auch dem Baby. Was willst du machen? Bei uns gibt es Hilfe, zum Beispiel im Frauenhaus. Und da habe ich eingewilligt: Okay, helft mir bitte."
Mirja, Opfer von häuslicher Gewalt

Der Einzug in das Frauenhaus war für Mirja die Rettung - auch wenn sie dort für zwei Jahre auf engem Raum mit zehn anderen Frauen und deren Kindern lebte und dort selbst ihr Kind zur Welt brachte.

Am besten ist der komplette Neuanfang

Dass viele Frauen über mehrere Jahre im Frauenhaus bleiben müssten, sei leider keine Seltenheit, sagt Maren Benner, Mitarbeiterin von Step 2. Sie fänden einfach keine Wohnung.

"Viele Frauen sind bereit aus dem Frauenhaus auszuziehen, aber finden einfach keine Wohnung."
Maren Benner, Mitarbeiterin von Step 2

Deshalb bemüht sich die Kölner Initiative nicht nur darum, den Frauen einen Zufluchtsort zu geben, sondern auch darum, dass die Frauen schnellstmöglich eine eigene Wohnung finden, damit wieder Platz für neue Frauen in Not sei. Der Neustart in einer eigenen Wohnung sei wichtig für die Psyche, sagt Maren Benner.

"Aufgrund der Traumata, die sie erlebt haben, ist es einfach nicht sinnvoll für die Psyche oder die Stabilisierung der Frauen, wenn sie in dieser Wohnung bleiben. Dann ist es oft notwendig, dass sie einen kompletten Neuanfang haben in einer neuen Wohnung."
Maren Benner, Mitarbeiterin von Step 2

Kaum bezahlbare Wohnungen

Doch bezahlbare Wohnungen in Großstädten und Ballungsgebieten sind kaum noch zu bekommen, vor allem nicht für alleinerziehende Frauen mit Kindern und kleinem Einkommen. Oft seien die Wohnungen zum Beispiel nur für Paare ausgeschrieben, erzählt Anja Clingen, eine weitere Mitarbeiterin von Step 2.

"Dass es in Wohnungsanzeigen heißt: Das ist eine große Wohnung. Und man denkt sich: Oh wow, toll, da kann man einen Kontakt aufbauen. Und dann steht da: Aber bitte nur an ein Paar."
Anja Clingen, Mitarbeiterin von Step 2

Um dennoch Wohnungen zu ergattern, wirbt die Initiative Step 2 bewusst für verlässliche Mieterinnen, baut Vertrauen zu den potentiellen Vermietern auf und bereitet die Frauen auf die Wohnungscastings vor. Dabei gehe es auch um ganz einfache Dinge, wie beispielsweise freundlich zu sein, Interesse an der schönen Wohnung zu bekunden oder mit dem Makler ein Gespräch anzufangen, damit man in Erinnerung bleibe, erzählt Anja Clingen.

Mirja hatte Glück und fand mithilfe von Step 2 eine eigene Wohnung. Für sie ist diese neue Wohnung wie ein Paradies, indem sie tun und lassen könne, was sie wolle und sich geschützt fühle.

"Du hast dort deine Ruhe und du kannst machen, was du willst. Du kannst schlafen, Musik hören oder Fernsehgucken. Für mich ist die eigene Wohnung wie ein Paradies, wo ich mich geschützt fühle."
Mirja, Opfer von häuslicher Gewalt

Auch wenn der Bedarf deutlich höher ist als die Zahl der Vermittlungen, schaffe es die Initiative immer wieder neue Wohnungen für Frauen wie Mirja zu finden und ihnen so einen Neustart ins Leben zu ermöglichen.