Früher nahm die Intelligenz der Menschen von Dekade zu Dekade zu. Der Flynn-Effekt. Seit ein paar Jahren stellen Forscher die umgekehrte Entwicklung fest: Unser Intelligenzquotient stagniert nicht nur – er nimmt ab.

Der neuseeländische Psychologe James Flynn hat in den 80er Jahren als Erster festgestellt, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient (IQ) alle zehn Jahre um drei Punkte ansteigt. 

Der Neurowissenschaftler Henning Beck erklärt, dass Wissenschaftler die Fragen der IQ-Tests mit den Jahren sogar schwieriger gestalten mussten, damit der Durchschnittsmensch bei durchschnittlichen 100 Punkten landet. Tatsächlich waren die Menschen vor hundert Jahren aber nicht dümmer, sondern uns fällt es heute sehr viel leichter IQ-Aufgaben zu lösen, sagt Henning Beck.

Rätselhafter Flynn-Effekt

Unklar ist bis heute, wie es zu dem Flynn-Effekt gekommen ist. Ursachen könnten bessere Ernährung und Schulbildung sein. Wissenschaftler vermuten auch, dass wir heute abstrakter denken als frühere Generationen, weil sich unsere Welt stark verändert hat. Diese neuen Denkfähigkeiten nützen uns beim Lösen von IQ-Tests. Beispielsweise können wir viel schneller Muster erkennen. Die Wissenschaftler der Universität Wien glauben, dass wir aufgrund der täglichen Bilderflut unser Sehen in der Hinsicht gut trainiert haben.

"Intelligenz ist nichts, was ich einfach so messen könnte wie Körpergröße. Man kann nicht absolut intelligent sein, sondern immer nur relativ besser."
Henning Beck, Neurwissenschaftler

Warum diese Intelligenzsteigerung seit ein paar Jahren an ihre Grenzen gestoßen ist und sich sogar umkehrt, sei genauso mysteriös wie der Flynn-Effekt selbst, sagt Henning Beck. Die Wissenschaftler von der Uni Wien haben in einer Studie nachgewiesen, dass es den Flynn-Effekt über mehrere Länder hinweg gibt. Aber seit 1998 fällt der durchschnittliche IQ-Wert um 2 Punkte. Dieser negative Flynn-Effekt zeigt sich in Studien in Dänemark, Norwegen und England.

Rückläufiger IQ bei norwegischen Männern

Der Wirtschaftswissenschaftler Bernt Bratsberg und der Politikwissenschaftler Ole Rogeberg vom Frisch Centre in Oslo haben in ihrer Studie die Daten von über 800.000 norwegischen Männern verglichen, die in den Jahren zwischen 1962 und 1991 geboren wurden und im Rahmen ihrer Einberufung zum Militär einen normierten Intelligenztest machen mussten. Das Ergebnis: Der IQ stagnierte nicht nur. Ab dem Geburtsjahrgang 1975 geht er zurück.

Ursachen für Flynn-Effekt unklar

Woran das liegt, ist genauso unklar. Möglicherweise liegt es an der veränderten Ernährung, Bildung oder dem Medienkonsum, sagt Henning Beck. Was die Wissenschaftler mit Sicherheit ausschließen, ist eine Genveränderung als Ursache. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass sich eine Genveränderung in so kurzer Zeit in einer breiten Bevölkerung zeigt.

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