Saatguthersteller suchen nach dem Supersaatgut. Ein Mittel ist Mutagenese. Der Europäische Gerichtshof hat jetzt entschieden, dass auch Mutagenese als Gentechnik gilt und damit kennzeichnungspflichtig ist.

Mutagenese ist eine Form der Gentechnik, die eine Veränderung des Erbguts hervorruft. Saatguthersteller sagen, diese Art der Genveränderung könnte auch auf natürliche Weise geschehen. Die Hersteller suchen nach einem Supersaatgut, in dem zum Beispiel Allergene oder Eigenschaften ausgeschaltet sind, die das Saatgut für bestimmte Krankheiten anfällig machen.

EuGH entscheidet: Mutagenese ist Gentechnik

Eine Methode der Mutagenese ist die Crispr-Cas-Methode (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats). Dabei wird mit einem Bakterienprotein ein definiertes Gen ausgeschaltet. Umgangssprachlich wird die Methode auch als Genschere bezeichnet. Ein solches Ein- und Ausschalten bestimmter Gene kann auch auf natürliche Weise geschehen, dann spricht man von Mutation. Das ist eine spontan auftretende dauerhafte Veränderung des Erbguts, erklärt Jule Reimer aus unserer Umweltredaktion. Mutagenese ist  zusammengesetzt aus Mutation und Genese.

Der Europäische Gerichtshof hat in seinem Urteil vom 25. Juli 2018 entschieden, Crisp-Cas und andere Mutagenese-Methoden der EU-Gentechnikrichtlinie von 2001 unterliegen.

Jule Reimer, DLF-Umweltredakteurin
"Ich halte das Urteil für weise. Es geht nicht nur um Pflanzen, sondern auch um Arten und gentechnische Veränderungen, die auch bei Tieren und in der Humanmedizin zum Tragen kommen können."

Mutagenese mit Trial and Error

Pflanzenzüchter stellen bereits Pflanzen durch Mutagenese her, setzen dabei aber bislang auf Bestrahlung oder Chemikalien, erklärt Jule Reimer. Das Problem dabei: Diese Methoden liefern keine exakten Ergebnisse, sondern die Wissenschaftler müssen sich den gewünschten Pflanzeneigenschaften über mehrere Versuche nähern. Sie erzeugen dann dabei verschiedene Pflanzen, aus denen sie auswählen müssen. 

Diese Verfahren gelten in der EU inzwischen als unbedenklich und sind von der EU-Gentechnikrichtlinie ausgenommen.

"Es geht um Kosten, Gewinne und Sicherheitsfragen. Alles was in Europa unter die europäische Gentechnikrichtlinie von 2001 fällt, unterliegt einer Sicherheitsüberprüfung und strengen Zulassungsbedingungen."
Jule Reimer aus der DLF-Umweltredaktion über Mutagenese

Eine Umweltverträglichkeitsprüfung, wie sie nach der EU-Gentechnikrichtlinie von 2001 für gentechnisch veränderte Pflanzen vorgeschrieben ist, kostet zusätzlich Geld. Außerdem müssen nach dieser Richtlinie Lebensmittel, die gentechnisch veränderte Substanzen enthalten, gekennzeichnet werden. Gentechnik bezieht sich bisher jedoch nur auf Pflanzen, die auf nicht natürliche Art verändert wurden – auch nicht durch Kreuzen oder Rekombination, erklärt Jule Reimer.

"Befürworter sagen: Das ist doch wie in der Natur, wir können es nur punktgenauer machen."
Jule Reimer aus der DLF-Umweltredaktion über Mutagenese

Landwirtschaftsverbände sagen, dass es sich bei Mutagenese nicht um Gentechnik handele, weil es eine Methode sei, die wie eine natürliche Mutation ablaufen würde. Deshalb wollen sie, dass die Mutagenese von den strengen Regeln der EU-Gentechnikrichtlinie ausgenommen wird. Gerade die deutschen Saatguthersteller befürworten eine Ausnahmeregelung.

"Der Bauernverband vertritt große Agrarunternehmen und die sagen: Dürreresistenter Mais ist gut. Weizen, der mit Mehltau klarkommt auch."
Jule Reimer aus der DLF-Umweltredaktion über Mutagenese

Die Bio-Verbände sind nicht alle grundsätzlich gegen eine Ausnahmeregelung für Mutagenese. Das liegt zum einen auch daran, dass die EU-Bio-Standards weicher sind, als manche der Öko-Labels wie Demeter, Bioland oder Naturland. Die EU-Bio-Standards erlauben in bestimmten Fällen den Einsatz von Saatgut, in dem Mutationen durch den Einsatz von fremden Stoffen herbeigeführt werden, erklärt Jule Reimer. 

Bio-Verbände gegen Mutagenese

Einige Bio-Verbände sind streng gegen den Einsatz von Saatgut, das durch Mutagenes verändert wurde. Sie betonen, dass es nicht notwendig sei, weil regional angepasste Sorten robust und ertragreich seien. Dagegen sehe der Schweizer Direktor des Filbl-Instituts, Urs Niggli, Mutagenese, Chancen in der Mutagenese, wodurch er sich den Zorn verschiedener Öko-Verbände auf sich gezogen habe.

Vorteile für Verbraucher

Weil der EuGH entschieden hat, dass Mutagenese nicht aus der EU-Gentechnikrichtlinie ausgenommen wird, hat das für uns als Verbraucher den Vorteil, dass auf Lebensmitteln gekennzeichnet werden muss, ob Material darin enthalten ist, dass durch diese Methode verändert wurde.

"Wir wissen noch nicht genau, wie sich Gentechnik auf die Umwelt auswirkt. Wir wissen, dass wir ganz viel noch nicht wissen."
Jule Reimer über Mutagenese

Letztlich ist aber auch noch nicht klar, welche Effekte gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Umwelt haben. Sind sie erst einmal in die Natur ausgebracht, sei das unumkehrbar, warnen Verbraucherschützer.


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