In Fällen von Gewalt in der Partnerschaft schlagen meistens Männer Frauen. Bei etwa jeder fünften Tat von häuslicher Gewalt ist es umgekehrt: Hier sind Männer die Opfer. So wie Florian, er hat sich an eine Beratungsstellen für Männer gewandt – und dort Hilfe bekommen.

Erst waren es Worte, dann wurde es körperlich und am Ende der Beziehung haben sich die Gewaltausbrüche seiner ehemaligen Freundin fast täglich gegen ihn gerichtet: Florian hat zehn Jahre lang häusliche Gewalt erfahren.

Einmal hat ihn seine damalige Partnerin so sehr geschlagen, dass er in die Notaufnahme musste. "Da habe ich gemerkt, dass ich das nicht mehr gemanagt kriege. Aber ich hatte immer noch die Hoffnung, dass es irgendwann besser werden könnte", sagt er. Heute ist Florian Anfang 30. Seinen Namen und seine Stimme haben wir verändert.

Unverständnis und Hilflosigkeit

In den zehn Jahren hat Florian mehrmals versucht, sich bei Ärzt*innen und Sozialberatungsstellen Hilfe zu holen. Oft haben sie mit Unverständnis reagiert oder wussten nicht, wie sie ihm weiterhelfen sollen, sagt er. Einmal hat er sich einem anderen Mann anvertraut. "Der Mann hat mir erzählt, dass Frauen von Natur aus das friedliche Geschlecht sind. Wenn meine Freundin so etwas macht, heißt das, dass ich sie enorm über das, was für eine Frau normal ist, hinausgetrieben habe mit meiner Unordnung", fasst Florian die Reaktion zusammen. Statt Hilfe zu bekommen, wurde ihm eine Täter-Opfer-Umkehr eingeredet – die er dann auch geglaubt hat.

"Ich hatte immer noch die Hoffnung, dass es irgendwann besser werden könnte."
Florian (Name geändert), erzählt über die Gewaltausbrüche seiner ehemaligen Partnerin

Hilfsangebote für Männer bei Gewalterfahrung

Danach ist einige Zeit vergangen, bis er einen Arzt gefunden hat, der ihn an die Männerberatung Stuttgart vermittelt hat. In ganz Deutschland gibt es insgesamt 44 Beratungsstellen für Männer, die häusliche Gewalt erleben. Im vergangenen Jahr haben ungefähr 100 Männer das Hilfsangebot in Stuttgart genutzt, sagt Sozialberaterin Edith Hasl. Als die Beratungsstelle 2014 ihr Angebot auf männliche Opfer von häuslicher Gewalt ausgeweitet hat, waren es 30 Männer.

Laut Kriminalstatistik haben 2020 fast 29.000 Männer ihre Gewalterfahrungen angezeigt. Das sind rund 20 Prozent der gemeldeten Fälle von Partnerschaftsgewalt in dem Berichtsjahr. Nach wie vor sind Frauen häufiger von häuslicher Gewalt betroffen: Dem Bericht zufolge haben rund 119.000 Frauen häusliche Gewalt 2020 zur Anzeige gebracht.

Hilfe suchen und darüber sprechen

Sozialarbeiterin Edith Hasl berät auch am "Hilfetelefon Gewalt an Männern". Die Hotline ist deutschlandweit erreichbar, vertraulich und wer möchte anonym. Zusätzlich gibt es online einen Chat. Am anderen Ende sitzen geschulte Sozialberater und Psychologinnen – und hören zu. Dabei geht es auch darum, die Scham und das Tabu um häusliche Gewalt abzubauen. Das Wichtigste in solchen Fällen sei, sich anderen Menschen anvertrauen zu können, mit dem Wissen, dass ihnen geholfen werden kann.

Die Hotline gibt es mittlerweile seit zwei Jahren. Alleine im zweiten Jahr gab es mehr als 3.000 Beratungsgespräche am Telefon – das sind doppelt so viele wie zu Beginn. Darunter sind auch Angehörige oder Fachleute, die speziellen Rat suchen. Bei zwei Dritteln der Gespräche handelt es sich um Männer, die Gewalt in ihrer Partnerschaft erleben.

Hilfsangebote werden mehr angenommen

Durch die beiden Corona-Jahre sei der Bedarf an Beratungen gestiegen, sagt Edith Hasl. Sie schreibt den Anstieg der Gespräche aber vor allem einem größeren Hilfsangebot zu. Und auch, dass mehr Männer die Hilfe in Anspruch nehmen.

"Das Entscheidendste ist wirklich, dass die Männer überhaupt mal jemanden haben, der sie ernst nimmt und sagt: 'Sie sind nicht allein.'"
Edith Hasl, Sozialarbeiterin, spricht über das Männerhilfetelefon

Einfluss von Rollenbildern auf Hilfe

Die Sozialarbeiterin nimmt hier auch einen Wandel stereotyper Rollenbilder wahr. "Häufig sorgen sich die Männer tatsächlich noch um das Wohl der Frauen. Vielleicht kommt das noch so ein Stück weit aus diesem Rollenbild, dass der Mann so erzogen wird, dass er der Beschützer der Frauen, der Familie und deshalb immer zuständig für ihr Wohl ist", sagt sie. Und genau dieses überholte Rollenbild vom Mann als Versorger breche weiter auf – was wiederum dazu führe, dass sich mehr Männer Hilfe suchen, wenn sie häusliche Gewalt erfahren.

"Das Wichtigste ist, sich nicht zu schämen – auch wenn dieses Schamgefühl besteht. Und das Vertrauen zu haben, sich anderen Menschen anzuvertrauen."
Edith Hasl, Sozialarbeiterin

Florian ist damals in eine Schutzwohnung gezogen. Davon gibt es in Deutschland insgesamt elf Stück für Männer. Für ihn war das die Rettung. "Ich musste dann erst lernen, was es heißt, ein normales Leben zu führen und auch darauf zu achten, was ich eigentlich will. Das ist so, als wäre ich zehn Jahre in einer Sekte gewesen."

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