Der Schweinetransporter auf der Autobahn, das günstige Rinderhackfleisch oder die Supermarkteier von Legehennen – Massentierhaltung gibt es in Deutschland überall. Dafür hat ein drastischer Wandel ab 1950 gesorgt, erklärt Historikerin Veronika Settele. Jetzt brauche es vor allem einen Austausch zwischen Landwirtinnen und Konsumenten.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg haben zwei wesentliche Entwicklungen die Bausteine der heutigen Massentierhaltung gelegt, sagt Historikerin Veronika Settele. Nachdem sich die Wirtschaft von der Kriegszeit erholt hatte, habe die Politik einerseits den Wiederaufbau der Tierhaltung massiv subventioniert: Futtermittel wurden bereitgestellt, Zuchtprogramme finanziell gefördert, Preise reguliert, Technik herangezogen.

Und andererseits habe sich zum ersten Mal ein landwirtschaftliches Beraterwesen aufgebaut. So wurde Wissen aus dem vergangenen Jahrhundert weitergegeben und in der Praxis angewendet.

Der Begriff der Massentierhaltung tauchte zum ersten Mal in den 1960er Jahren auf, so die Historikerin. Zu diesem Zeitpunkt sei er wertneutral gewesen und habe zunächst nur eine neue Entwicklung beschrieben: dass viele Tiere – wie sonst unüblich – auf einzelne Ställe konzentriert wurden.

Der Begriff Massentierhaltung wandelt sich von wertneutral zu negativ

Ein Wandel in der Wertung der Massentierhaltung kam in den 1970er Jahren, als die Massentierhaltung von immer mehr Technik geprägt war und wenig Menschen viele Tiere betreuten, weil beispielsweise Melkmaschinen die ehemals händische Arbeit übernahmen. In diesem Kontext haben die Menschen angefangen, von Massentierhaltung als etwas Schlechtem zu sprechen, erklärt Veronika Settele, ähnlich wie wir das heute auch noch kennen.

"Der Körper der Tiere wurde massiv verändert und der Zugriff auf die Körper der Tiere. Ställe wurden zu hoch technisierten Orten."
Veronika Settele, Historikerin an der Universität Bremen

In ihrer Dissertation "Revolution im Stall: Landwirtschaftliche Tierhaltung in Deutschland 1945-1990" erklärt Veronika Sattele diesen Wandel zur heutigen Massentierhaltung anhand von den drei Ebenen: Körper, Wirtschaft und Technik.

  • Körper: Durch Methoden wie künstliche Besamung oder die Auswertung von Daten, wie viel Milch eine Kuh gibt, steuert der Mensch den Körper der Tiere.
  • Wirtschaft: Bis in die 1960er Jahre war die Geflügelhaltung ein Nebenerwerb, der im Laufe der Jahre zu einem gewinnorientierten Wirtschaftszweig ausgebaut wurde.
  • Technik: Die Schweinehaltung war bis in die 1950er Jahre als Arbeit sehr unbeliebt. Neue Technologien, die den Menschen die Arbeit abnahmen, haben den Wandel in der Schweinezucht vorangetrieben.

Ökologische Tierhaltung weiter gering

Erste Kritik gegen diese Art der Tierhaltung kam schon in den 1970er Jahren auf, sagt die Historikerin, als es um die Käfighaltung von Hühnern ging.

Zwar wachse seitdem eine Gegenbewegung zum Wohle der Tiere, aber aktuelle Zahlen würden zeigen, dass die Nachfrage nach tierischen Produkten aus ökologischer Haltung gering sei: Im Vergleich zu konventionell hergestelltem Schweinefleisch mache der Verkauf von Bio-Schweinefleisch einen sehr geringen Teil aus.

Fehlendes Verständnis und wenig Miteinander

Die Zeit zurückdrehen, bevor die Massentierhaltung sich entwickelt hat, hält die Historikerin für wenig sinnvoll. Auch in der weiter entfernten Vergangenheit sei nicht alles besser in Sachen Tierwohl gewesen. Der Blick in die Zeit des massiven Wandels während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts macht aber deutlich, dass der Austausch zwischen Landwirtinnen und Konsumenten weggebrochen ist, erklärt sie.

"Ich hab mir die früheren Bewirtschaftungsmethoden angesehen und glaube, es wäre kein gutes Ziel, zu sagen, wir wollen Tiere wieder so halten wie um 1952."
Veronika Settele, Historikerin an der Universität Bremen

Hierfür brauche es Landwirte, die ihre Arbeit und Vorgehensweise erklären. Und die aufzeigen, in welchen ökonomischen Strukturen sie stecken. Gleichzeitig sollten Konsumentinnen weiter für die Art Tierhaltung einstehen, die sie sich wünschen.

Zusätzlich können sie ihre Forderungen über ihr Kaufverhalten steuern, so Veronika Sattele. Und eben auch über die Politik, von der sie konkrete Maßnahmen einfordern.