65 Fragen in knapp vier Stunden: Russlands Präsident Putin zieht seine jährliche Pressekonferenz routiniert durch. Dem Zufall wird dabei nichts überlassen – vor allem, wenn kritische Fragen dabei sind. Denn 2018 sind Wahlen.

1600 Pressevertreter dürfen dem russischen Präsidenten einmal im Jahr Fragen stellen. Wladimir Putin nutzt diese Bühne auch, um Ankündigungen zu machen. So verkündete er diesmal, dass er im kommenden Jahr bei den Wahlen als unabhängiger Kandidat antreten will. Unabhängig bedeutet, dass er 300.000 Unterschriften sammeln muss. "Interessant ist, dass er sich nicht als Kandidat der Kreml-Partei verkauft", sagt Thielko Grieß, unser Korrespondent in Moskau. Thielko glaubt, dass dieser Schachzug damit zusammenhängt, dass die Partei zwar viel Macht hat, aber nicht allzu beliebt ist. 

"Er will Präsident aller Bürgerinnen und Bürger sein. Ich glaube, das ist eher so die Strategie."
Thielko Grieß über den russischen Präsidenten Waldimir Putin

"Wissen Sie, ich habe schon oft gesagt, wie ich Russland gerne sehen würde: Es muss in die Zukunft gerichtet sein, es muss modern sein und die Einkommen der Bürger müssen steigen." So hat Putin seine Vision für das Land formuliert, konkretere Pläne folgten jedoch nicht.

Bei der Pressekonferenz wurde viel über Altbekanntes gesprochen, zum Beispiel gab es Kritik an den USA und an der Ukraine. Die Ukraine sei nach wie vor ein Hort der Instabilität, und dass Minsk II, also das Friedensabkommen, das den Krieg in der Ukraine beenden soll, nicht vorankomme, liege definitiv an der Regierung in Kiew und nicht an Russland.

"Interessant fand ich einen Nebensatz. Er hat gesagt: Ukrainer und Russen seien ja ein Volk."
Thielko Grieß, Korrespondent in Moskau

Dieser Nebensatz fiel in einem kleinen Exkurs über die Geschichte der letzten 1000 Jahre. "In so einem Saal in Moskau kann er das unwidersprochen sagen, aber in Kiew lässt so ein Satz die Alarmglocken läuten", sagt Thielko. Denn dort wird das möglicherweise so interpretiert, dass die Unabhängigkeit der Ukraine infrage gestellt wird.

Bei der vierstündigen Fragerunde wurde zuweil durchaus kritisch nachgehakt. Zum Beispiel fragte ein Journalist: "Warum darf Alexander Nawalny nicht zur Wahl antreten?" Nawalny ist einer der wichtigsten Oppositionellen in Russland. Thielko Grieß sagt, die Antwort kam ein bisschen von hinten durch die Brust und lautete, dass Putin keine Instabilität in Russland wolle – nicht so wie in der Ukraine. Denn die wird in Russland gerne als abschreckendes Beispiel herangezogen. Thielko interpretiert Putins Antwort so: "Er fürchtet, Nawalny könnte Straßen und Plätze füllen und einen Umsturz herbeiführen. Das war dieses Mal so deutlich wie noch nie."

Eine Frage der Gegenkandidatin

Auch die Fernsehmoderatorin Xenia Sobschak durfte eine Frage stellen. Sie wird bei der Wahl 2018 als Gegenkandidatin antreten. Allerdings kam auf ihre kritische Frage – warum der Präsident keine kritische Opposition zulasse – keine Antwort, berichtet Thielko Grieß: "Da gibt es so eine kleine Trickkiste, wie man so was auch wegmoderieren kann." Der Pressesprecher von Präsident Putin nahm dann nämlich gleich noch eine zweite Fragenstellerin von einem staatlichen Medium an die Reihe, womit Putin sich beim Antworten auf die letztere konzentrieren konnte.

"Wichtig ist, dass man am Ende kein Zitat oder keinen O-Ton hat, der sich direkt auf Xenia Sobschak beziehen würde."
Thielko Grieß, Korrespondent in Moskau

Thielko selbst hat auch versucht, den Präsident zu befragen. Und natürlich hatte er sich auch Fragen zurechtgelegt, zum Beispiel die von dem Taxifahrer, der ihn zu der Veranstaltung chauffiert hatte: "Wir leben ja in Russland ganz gut. Aber wann leben wir hier so wie in Deutschland?" Unser Korrespondent kam allerdings nicht an die Reihe. Damit bleibt diese Frage vorerst unbeantwortet.

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