Statt aufs Smartphone zu starren, wenn wir einen Weg suchen, können wir uns vom Navi-Gürtel mit Vibrationen an bestimmten Körperstellen in die richtige Richtung lenken lassen. Das geht – wir haben es ausprobiert.

Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michel Böddeker hat für uns den Gürtel umgeschnallt. Dafür ist er zunächst nach Osnabrück gefahren, wo das Start-up sitzt, das den Navi-Gürtel entwickelt hat. "Feelspace" heißt die Firma, die Forscherinnen von der Uni Osnabrück gegründet haben. 

Susan Wache, eine der Geschäftsführerinnen, hilf Michael den Navi-Gürtel anzulegen. Etwas oberhalb der Hüfte wird der Gürtel auf der Kleidung angelegt. Der Gürtel ist elastisch und passt sich der Körperform an. Im Gürtel sind 16 Vibrationselemente gleichmäßig verteilt.

Michael Bödekker legt den Navi-Gürtel an.
© Deutschlandfunk Nova | Michael Bödekker

Nachdem Michael den Gürtel eingeschaltet hat, melden sich kontrollmäßig alle 16 Vibrationselemente nach einander – was etwas auf der Haut kitzelt. Susanne Wache stellt zunächst die Kompass-Funktion ein. Auf Michaels Körper vibriert dann immer die Stelle, die sich genau in der Nordausrichtung befindet.

Vibration gibt die Richtung an

Um sich an ein bestimmtes Ziel leitet zu lassen, schaltet Michael in den Navigationsmodus um. Susan Wache gibt ihm Tipps, wo er in Osnabrück gut Kaffee trinken oder Crêpe essen könnte. Michael leiht sich ihr Fahrrad und macht sich auf den Weg. Immer wenn der Gürtel vorne auf seinem Bauch vibriert, fährt er in die richtige Richtung und zwar geradeaus.

"Beim Fahrradfahren ist der Gürtel echt praktisch: Ich muss nämlich nicht zwischendurch anhalten, um aufs Handy zu gucken."
Michael Bödekker, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Ohne Probleme gelangt Michael an sein Ziel. Dafür gibt es vom Gürtel extra Vibration. Auch wenn der Navi-Gürtel sehr gut fürs Fahrradfahren oder Wandern geeignet ist, haben die Forscherinnen eigentlich eine andere Zielgruppe im Blick: Für Blinde und Sehbehinderte bringt der Navi-Gürtel große Vorteile, weil sie sich damit in ihrer Umgebung sehr gut orientieren können.

"Wir haben mit vielen Blinden gesprochen und den Gürtel für deren Bedürfnisse optimiert. Und dann sieht man einfach, wie jemand, der sonst einfach Schwierigkeiten hat, geradeaus zu gehen, plötzlich problemlos geradeaus gehen kann."
Susan Wache, Geschäftsführerin "Feelspace"

Was uns selbstverständlich erscheint wie Geradeausgehen, ist für Menschen mit Sehbehinderung sehr schwer, weil ihnen eben die Orientierung fehlt. Der Gürtel gibt ihnen einfach die Richtung an. Bislang gibt es den Navi-Gürtel aber nur in einer kleinen Auflage. Die Entwicklerinnen hoffen noch darauf, dass er als Hilfsmittel anerkannt wird.

"Wenn man eine Hilfsmittelnummer bekommt, dann bietet das Blinden auch die Möglichkeit, auch über die Krankenkasse das zu beziehen."
Susan Wache, Geschäftsführerin "Feelspace"

Ohne finanzielle Unterstützung kostet der Navi-Gürtel 880 Euro – die günstigste Version.

Gründerinnen von "Feelspace" Navi-Gürtel
© Deutschlandfunk Nova | Michael Bödekker

Aus Forschersicht bringt das Tragen des Navi-Gürtels auch neue Erkenntnisse: Susan Wache hat zu Testzwecken den Navi-Gürtel sieben Wochen am Stück getragen und festgestellt, dass sich ihre Raumwahrnehmung verändert hat. Sie konnte sich danach viel besser orientieren. Der Navi-Gürtel ist wie ein zusätzlicher künstlicher Sinn für Himmelsrichtungen.

Mehr zu Navigation und Sehbehinderung bei Deutschlandfunk Nova: