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Noch während in Minneapolis der Floyd-Prozess läuft, wird 15 Kilometer vom Gerichtssaal entfernt erneut ein Afroamerikaner bei einer Polizeikontrolle getötet. Ein tragischer Unfall, sagt die Polizei. Der Fall hat neue Proteste ausgelöst – und die halten an.

Es ist noch kein Jahr her: In Minneapolis starb George Floyd, nachdem ein Polizist neun Minuten lang auf seinem Hals gekniet hatte. Der Fall hatte weltweit wochenlange Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung ausgelöst – und wird aktuell in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota vor einem Gericht verhandelt.

George Floyd und Daunte Wright

In der Kleinstadt Brooklyn Center nördlich von Minneapolis ist nun erneut ein Afroamerikaner bei einer Polizeikontrolle getötet worden: der 20-jährige Daunte Wright, Vater eines zweijährigen Sohnes. Bei der versuchten Festnahme wollte Wright, gegen den ein Haftbefehl vorlag, offenbar mit seinem Wagen fliehen. Dann fielen Schüsse. Auf einer Pressekonferenz sprach die Polizei von Minneapolis von einem "tragischen Tod" – die Polizistin habe ihre Schusswaffe mit einer Elektroschockpistole verwechselt, der tödliche Schuss sei "versehentlich abgegeben" worden.

Das sei glaubwürdig, sagt Doris Simon, unsere Korrespondentin in den USA. Denn die Polizei veröffentlichte auch Bodycam-Aufnahmen vom Versuch der Festnahme und wer sich die Bilder anschaue, könne hören, wie geschockt die Polizistin selbst war. Wie im Protokoll vorgeschrieben, kündigt sie den Einsatz ihres Elektroschockers an, feuert dann aber ihre Dienstwaffe ab. Es könne zwar sein, dass das ein Fake war – aber so wirkt es nicht, sagt unsere Korrespondentin.

"Wer sich das Video angeschaut hat, der hat auch gesehen, wie geschockt die Polizistin selber war. Nachdem sie sechs Schüsse abgegeben hat, rief sie: 'Holy shit, I shot him'."
Doris Simon, Deutschlandradio-Korrespondentin in den USA

Dass Polizisten in den USA den Elektroschocker mit der Schusswaffe verwechseln, kommt immer wieder vor, sagt Doris Simon. In einem Zeitraum von zehn Jahren habe es neun solcher Fälle gegeben.

Neun Fälle in zehn Jahren

Die meisten Polizisten hätten immer beide Waffen dabei – und natürlich gebe es Regeln, wie genau sie zu tragen sind, damit Elektroschocker und Schusswaffe nicht vertauscht werden. Ob die Polizistin die Waffen falsch am Körper getragen hat, sei bis jetzt nicht geklärt. Im Video sei zu sehen, dass ein Kollege der Polizistin sie richtig trug: den Elektroschocker links und die Schusswaffe rechts, also da, wo man als Rechtshänder schneller drankommt.

Die Familie von Daunte Wright sagt: Das kann nicht sein, dass sich die Polizistin vertan hat. Sie habe die Schusswaffe so lange hochgehalten – sie müsse mitbekommen haben, dass es die Schusswaffe und eben nicht der Elektroschocker war. Außerdem müsse man eine Schusswaffe zunächst auch noch entsichern. Manche Experten, so Doris Simon, sagen dagegen: Doch, in so einer akuten Stresssituation könne so eine dramatische Verwechslung durchaus passieren.

Polizistin und Polizeichef außer Dienst

Der Bürgermeister von Brooklyn Center hat inzwischen mitgeteilt, dass der örtliche Polizeichef zurückgetreten ist und die verantwortliche Polizistin ihren Dienst quittiert hat. Das beruhigt die Gemüter der Menschen aber offenbar wenig: Seit dem Vorfall kommt es in Minneapolis erneut zu Ausschreitungen und Protesten gegen Polizeigewalt. Die Stimmung ist äußerst angespannt, die Polizei hat Tränengas eingesetzt und zahlreiche Demonstrierende festgenommen.

Wut und Aufregung sind verständlich, sagt Doris Simon. Es sei losgegangen mit einer Verkehrskontrolle – und am Ende war Daunte Wright tot. Das sei kein Einzelfall. Allein 2020 seien in den USA 121 Menschen bei oder in Folge von Verkehrskontrollen gestorben – in den allermeisten Fällen, ohne dass zuvor Gewalt im Spiel war, so unsere Korrespondentin.

"Es passiert dauernd: Es sind im letzten Jahr allein in den USA 121 Menschen bei Verkehrskontrollen oder in Folge von Verkehrskontrollen ums Leben gekommen."
Doris Simon, Deutschlandradio-Korrespondentin in den USA

Allein in Brooklyn Center sind in den letzten neun Jahren sechs Menschen von Polizisten erschossen worden, berichtet Doris Simon. Und es seien eben immer wieder junge Schwarze, die es erwischt. Allein bei dem Gedanken an eine Verkehrskontrolle – wenn das Blaulicht blinkt und die Sirene heult – würden viele schwarze Mütter in Panik geraten, sagt unsere Korrespondentin. Weil das eben tatsächlich "so wahnsinnig lebensgefährlich" ist.

Immer wieder junge Afroamerikaner

Seit dem Tod von George Floyd sei das Thema "Rassismus innerhalb der Polizei" in den USA zum großen Thema geworden. Stadträte und Bürgermeister würden sich damit auseinandersetzen, und immer wieder würden Verbesserungen von den Bürgerinnen und Bürgern gefordert: zum Beispiel, dass die Polizei die Zusammensetzung der Bevölkerung viel stärker widerspiegeln sollte. In Brooklyn Center habe sich da in den letzten zehn Jahren auch tatsächlich etwas getan: Früher sei die Polizei mehrheitlich weiß gewesen, inzwischen ist sie mehrheitlich BPoC (Black and People of Colour), berichtet Doris Simon. Die Polizisten kämen aber immer noch zum größten Teil von außerhalb.

All diese Probleme lassen sich natürlich nicht von heute auf morgen ändern. Gestern hat US-Vizepräsidentin Kamala Harris der Familie des Opfers ihr Beileid und das des Präsidenten ausgesprochen. Dabei hat sie auch gewarnt: Solange die USA die rassistische Ungerechtigkeit und Ungleichheit nicht vollständig angehen würden, so lange würden weiterhin Menschen sterben.