Ein gebrauchtes Brautkleid bei der eigenen Hochzeit? Für viele Frauen ein No Go - andere finden den Gedanken ziemlich charmant, ein Kleid mit einer Geschichte zu tragen und suchen gezielt nach Secondhand-Brautkleidern.

An keinem anderen Kleidungsstück im Kleiderschrank von verheirateten Frauen hängen so viele Erinnerungen, wie am Brautkleid. Dem Kleid, das nur für diesen einen Tag gekauft oder angefertigt wurde - seitdem aber unangetastet im Kleiderschrank hängt. Was macht man auch sonst damit? Idealerweise trägt es aus der Familie vielleicht noch mal jemand, aber das ist halt Geschmackssache. Die Mode verändert sich ja auch. 

Scheidungskleider werden nicht verkauft

Im Laden von Judith Erb hängen genau 44 Brautkleider, die auf ihr zweites Leben warten. Kleider, die zwischen den Jahren 1950 und 1980 zu Hochzeiten getragen wurden und ihre eigene Geschichte haben. Scheidungskleider, sagt Judith Erb, nimmt sie nicht. Aber Kleider, an denen gute Erinnerungen hängen, sehr gerne. Und die schreibt Judith Erb auf kleinen Schildchen auf, damit die Kundinnen eine Assoziation und Vorstellung von diesem Kleid haben. 

Jedes Second-Hand-Brautkleid hat eine Geschichte.
© Deutschlandfunk Nova | Sabrina Heinen
Jedes Second-Hand-Brautkleid hat eine Geschichte.

Ein Beispiel ist das Modell Annemarie. Die Mutter der Braut hatte das Kleid für die Hochzeit im Jahr 1977 selbst genäht. Und auch jetzt – sagt das Schild - ist Annemarie noch immer glücklich verheiratet, und hat mit ihrem Mann vier Söhne. 

Nach 35 Jahren ein zweites Leben

Inzwischen wollen sogar mehr Frauen ihr altes Brautkleid in Judith Erbs Laden - der Vererbt heißt - geben, als sie annehmen kann. Manche Kleider muss Judith Erb sogar ablehnen. 

Das Kleid von Andrea Strothotte hat es aber in die Auswahl geschafft. Vorher hing es 35 Jahre im Schrank - und immer wieder hatte Andrea Strothotte überlegt, was sie damit machen soll - für den Altkleidersack war es ihr zu schade. Als vor Kurzem ihre eigene Tochter geheiratet hat, hatte sie sie gefragt, ob ihr das Kleid gefalle und ob sie es haben wolle. Aber die Tochter lehnte ab. Jetzt hat es eine neue Besitzerin, ein zweites Leben quasi, und das macht Andrea Strothotte glücklich.

"Ich hab das Kleid gerne abgegeben, wenn ich weiß, dass es jemand anderes gerne auch noch mal benutzt und anzieht."
Andrea Strothotte, hat ein 35 Jahre altes Brautkleid gestiftet

Kein Brautkleid von der Stange - lieber eins mit Geschichte

Judith Erbs Kundschaft sind viele Dinge wichtig. Nachhaltigkeit ist das eine, das Exklusive das andere - viele Frauen lassen sich die Kleider etwas umschneidern, und machen es so zu ihrem eignen, besonderen Stück. Ribanna Dreher ist extra 50 Kilometer angereist, um hier im Vererbt-Laden ihr Hochzeitskleid zu finden. Weil sie, wie sie sagt, eben nichts von der Stange haben möchte.

"Das ist ja ein Kleid, das man nur einmal trägt. Und wenn es dann weitergegeben wird, ist das ja eigentlich ein schönes Gefühl."
Ribanna Dreher, Kundin in Judith Erbs Second-Hand-Brautkleid-Laden

Ribanna Dreher schaut sich zusammen mit ihrer Mutter, die sie begleitet, um, geht hinter den Vorhang, probiert einige Kleider an. Die Mutter ist begeistert und bestätigt ihre Tochter, als sie lächelnd mit dem ersten Kleid aus der Kabine kommt: "Schön, richtig schön." 

Tatsächlich wird sich Ribannas Anreise in den Vererbt-Laden am Ende gelohnt haben. Ein Kleid ist perfekt für die 28-Jährige und sie wird überglücklich nach Hause fahren, mit dem Gefühl, etwas Besonderes zu ihrer Hochzeit zu tragen. Ein Kleid mit Geschichte, das nun eine zweite Geschichte schreibt. 

"Ich find's halt toll, wenn man das weitergibt. Wenn die Kleider auch 'ne Geschichte haben."
Ribanna Dreher, Kundin in Judith Erbs Second-Hand-Brautkleid-Laden

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