Die Klitoris ist so groß wie eine Erbse? Das ist ein Irrglaube. Viele Schulbücher beschreiben das weibliche Geschlechtsorgan aber noch genau so. Eine Lehrerin hat sich dafür eingesetzt, dass wir lernen, wie die Klitoris tatsächlich aussieht.

In Schulbüchern war die Klitoris lange ein Mysterium: Oft ist sie unvollständig oder sogar falsch abgebildet. In manchen Fällen wird sie als Punkt dargestellt, in anderen mit einer Erbse verglichen.

Dass die Klitoris ein um die zehn Zentimeter langer Organkomplex mit Schwellkörpern ist, lassen einige Schulbücher außen vor – obwohl es seit fast 180 Jahren detaillierte Zeichnungen über sie gibt. Zum Vergleich: Den Penis beschreiben die Biologiebücher oft ausführlich.

Ab sofort richtig lernen, was die Klitoris ist

Die Schulbuchverlage Klett, Cornelsen und Westermann haben ihre Darstellung der Klitoris jetzt angepasst. Dafür hat sich unter anderen Sina Krüger eingesetzt.

Eine neue Abbildung der Klitoris wie sie in den Schulbüchern vom Ernst-Klett-Verlag erscheint.
© Ernst Klett Verlag GmbH
Die neue Abbildung der Klitoris vom Klett-Verlag

Die 27-jährige Lehrerin aus Berlin hat für ihre Masterarbeit analysiert, wie Schulbücher die Klitoris, die Vulvalippen und das Hymen, bekannt als Jungfernhäutchen, darstellen. 2020 hat sie ihre Arbeit an die Schulbuchverlage geschickt.

In Frankreich hat sich eine feministische Initiative 2019 auch schon für eine detailgetreue Abbildung der Klitoris eingesetzt – mit Erfolg.

"Ich glaube vor allem, dass es Mädchen und junge Frauen bestärken kann, zu wissen: Mein weibliches Geschlecht ist mehr als nur eine Vagina."
Sina Krüger, Lehrerin für Biologie und Sport

Mythen, Falschinformationen, Scham

Sina Krügers Kritik: Neben der falschen Abbildung der Klitoris sind die Biobücher auch sprachlich veraltet. Die Vulvalippen werden oft noch als Schamlippen bezeichnet, das Hymen als Jungfernhäutchen. Beides Begriffe, die irreführend und fachlich nicht korrekt sind.

Denn: Die Vulva ist kein Geschlechtsorgan, für das sich jemand schämen müsste, und das Jungfernhäutchen ein Mythos. Gemeint ist damit das Hymen, ein vaginaler Schleimhautkranz. Der verschwindet nach dem ersten penetrativen Sex auch nicht, sondern verändert sich mit der Zeit.

Die Folge von Begriffen wie "Schamlippen" oder "Jungfernhäutchen" sind die Weitergabe von Mythen, Verunsicherung, Scham – und Unwissen.

"Wenn man glaubt, das einzige Organ, was für sexuelle Erregbarkeit vorhanden ist, ist so groß wie eine Erbse, dann misst man dem eine andere Bedeutung zu", sagt Sina Krüger. Richtiger sei nämlich: Es gibt einen großen Schwellkörper, der homolog zum Penis ist.

Lust und Selbstbestimmtheit

Zumal Sexualität eben auch mehr als Fortpflanzung sei. Es geht auch um Lust und Selbstbestimmtheit. Dafür braucht es korrekte Bilder der Geschlechtsorgane und begleitend dazu Erklärtexte, sagt sie.

Der Cornelsen-Verlag weist mittlerweile zum Beispiel beim Hymen in einem Erklärtext darauf hin, dass nicht alle Frauen beim ersten Sex auch bluten und am Hymen auch nicht erkennbar sei, ob eine Frau penetrativen Sex hatte oder nicht.

"Ein Schüler hat sich gemeldet: 'Wenn ich meine Freundin befriedigen möchte, muss ich das dann eher so oder so machen?' Ich glaube, in dem Moment, in dem die Klitoris vernünftig abgebildet ist, schafft sie Gesprächsanlass für viele wichtige Themen."
Sina Krüger, Lehrerin für Biologie und Sport

Sina Krüger wünscht sich, dass mehr Schulbücher fachlich korrekt aufklären – über die Klitoris gleichermaßen wie über den Penis. Im nächsten Schritt sollten die Biologiebücher dann über alle Geschlechter aufklären, findet sie.