Spotify und eine Gendatenbank werben mit einer neuen Methode: Wer die eigene DNA entschlüsseln lässt, erhält eine Playlist, die zur eigenen Persönlichkeit passt. Das kann nicht funktionieren.

Von einem Algorithmus Musik, Serien und Filme vorgeschlagen zu bekommen, die zum eigenen Geschmack passen, ist bei den Streaming-Diensten wie Spotify und Netflix Standard. Wenn es auch technisch ziemlich komplex zu regeln und bei Weitem noch nicht perfekt ist.

Spotify bietet seinen Usern jetzt eine weitere Methode an, Musik passend zu den individuellen Vorlieben finden zu lassen: Sie können ihre DNA entschlüsseln lassen und sich auf dieser Basis eine Playlist zusammenstellen lassen.

"Der Gedanke 'genverankerter Musikgeschmack' ist völlig absurd."
Michael Gessat, Deutschlandfunk Nova

Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michael Gessat findet diese Idee so kurios, dass er sie fast nicht glauben kann. Ihm wäre es komplett neu, dass sich aufgrund einer DNA-Probe so differenzierte Aussagen über eine Person machen lassen könnten wie etwa den persönlichen Musikgeschmack. Das würde zudem bedeuten, dass unser Musikgeschmack tendenziell ähnlich zu dem unserer Eltern und Geschwister sein müsste.

Aber die Idee ist ernst gemeint:

Wer will, kann dem Gen-Datenbank-Anbieter Ancestry eine Speichelprobe zukommen lassen, die analysiert wird. Im Ergebnis ist dann unter anderem aufgeschlüsselt, aus welchen Ländern die eigenen Vorfahren stammen - zum Beispiel zu 60 Prozent aus Deutschland, 20 Prozent Schweden und fünf Prozent Polen. Dieses Ergebnis wird auf Spotify übertragen, und hier wird dann nach diesem Mischungsverhältnis eine Playlist generiert.

In Spotify-Playlist für User mit deutschen Vorfahren: Tokio Hotel, Silbermond, Revolverheld

Tatsächlich analysiert Ancestry also nicht den eigenen wahren Musikgeschmack anhand der DNA, sondern bestenfalls die genetische Herkunft und damit gegebenenfalls den eigenen kulturellen Hintergrund. Und so ist die Frage von Ancestry "If you could listen to your DNA, what would it sound like?" nicht viel mehr als ein spannend klingender Werbeslogan.

Spotify-Nutzer mit deutschen Vorfahren bekommen nach der DNA-Playlist-Logik Musik in die Playlist gemixt, die speziell zu Deutschland passt. Deutschland ist laut Spotify die Heimstätte von „heavy hitting rock, metal and progressive music“. Auf der Beispielplaylist sind unter anderem Künstler und Bands wie Frame of Mind, My Solid Ground, Tokio Hotel und Silbermond gelistet.

"Vor diesem DNA-Test sollte man sehr genau in das Kleingedruckte reinlesen, was Ancestry mit den Gendaten machen darf."
Michael Gessat, Deutschlandfunk Nova

Michael Gessat kann den DNA-Playlist-Test zwar nicht wirklich ernst nehmen - wer 100 Euro übrig hat und sich für seine Vorfahren interessiert, könnte ihn spaßeshalber aber ja machen. Allerdings sollte man sich dann vorher gut das Kleingedruckte der DNA-Datenbank durchlesen und wissen, was Ancestry mit den Gendaten so alles machen darf. Vielleicht erfährt man überraschenderweise auch, dass man eigentlich einer Samenbank entstammt. Michael empfiehlt außerdem, nach einem solchen DNA-Test auf jegliche Straftaten zu verzichten.

Mehr zum Thema DNA-Analyse:

  • DNA-Daten sind für Pharma-Firmen lukrativ: Wie aus Spucke Gold wird  |   Wer etwas über seine Verwandten erfahren will, nimmt Kontakt zu Ahnenforschern auf. Die brauchen zur Analyse genetisches Material. Okay soweit. Unsere DNA enthält aber Daten, die für Pharmaunternehmen Gold wert- und deshalb sehr begehrt sind.
  • Psychische Störungen: Warum ausgerechnet ich?  |   Durch die Sequenzierung des menschlichen Genoms sind Forscher inzwischen besser in der Lage, psychische Störungen zu erforschen. Der Humangenetiker Markus Nöthen erklärt im Hörsaal den Stand der Forschung zur Rolle der Gene für psychiatrische Erkrankungen.
  • Golden State Killer: Verdächtiger über Onlineportal aufgespürt  |   In den USA ist vermutlich der berüchtigte Golden State Killer gefasst worden. Der hatte in den 1970er und 80er Jahren mindestens zwölf Menschen umgebracht. Die Polizei kam ihm mithilfe einer DNA-Ahnenforschungs-Website auf die Spur.