Dass russische Trolle zum Beispiel per Twitter politisch Einfluss nehmen wollen, wird schon länger vermutet. Jetzt hat Twitter dazu Daten veröffentlicht.

Wenige Wochen vor den Midterms-Elections in den USA hat Twitter die Tweets von mehr als 3.800 russischen Accounts veröffentlicht. Sie dokumentieren den Versuch, auf die US-Politik Einfluss zu nehmen.

Wir sprechen von fast 300 GB Material. Hinter den Accounts steckt wohl vor allem die sogenannte Internet Research Agency in St. Petersburg, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter Andreas Noll. Bekannt wurde sie vor allem im Umfeld des Ukraine-Krieges, als sie in westlichen Staaten massiv pro-russische Propaganda verbreitete. Die Agentur bezahlt Mitarbeiter, die dann tausendfach bestimmte, gewünschte Meinungen streuen.

"Die Agentur hat tausende Menschen eingestellt, die Tweets absetzen und so Stimmungen verbreiten sollten."
Andreas Noll, Deutschlandfunk Nova

Der Datenschatz, der die Jahre nach 2009 umfasst, ist allerdings noch nicht vollständig ausgewertet. Twitter selbst ruft Redaktionen und interessierte User dazu auf, sich die Rohdaten über die Website herunterzuladen und zu recherchieren.

Auswertung eines großen Datenpakets

Vorarbeit gab es schon. Vor allem investigative Journalisten aus Russland selbst haben hier geholfen. Die Ergebnisse zusammengefasst:

  • Die russischen Trolle haben sich vor allem auf die Präsidentschaftswahl 2016 in den USA konzentriert. Das Ziel war klar definiert: Verhindern, dass Hillary Clinton Präsidentin wird, die amerikanische Gesellschaft spalten, das Vertrauen in US-Institutionen untergraben.
  • Man hat aber nicht nur die US-Wahlen gestört, sondern auch andere Ziele in den Blick genommen: Nach den Brüssel-Anschlägen wurden gezielt Anti-Islam-Hashtags verbreitet, am Tag des Brexit-Referendums Pro-Leave-Hashtags oder vor der Präsidentenwahl in Frankreich Anti-Macron-Tweets.
  • Die Kampagnen haben sich nicht ausschließlich auf die USA konzentriert. Hauptadressat der Internet Research Agency waren die Russen selbst: Es gibt mehr Tweets auf Russisch als auf Englisch. 
  • Die Accountbetreiber haben jeweils versucht, das Image eines politischen Aktivisten aufzubauen.
  • Die Trolle haben aus Fehlern gelernt und ihre Kampagnen immer weiter verfeinert.

Deutschland ebenfalls im Visier der Trolle

Auch Deutschland wurde von den russischen Trollen in den Blick genommen, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Reporter Andreas Noll. Spiegel Online hat rund 100.000 deutschsprachige Trolltweets ausgewertet. Viele Einträge befassten sich mit dem Flüchtlingsthema, oft in Verbindung mit dem Hashtag #AngelaMerkel. 

Die Trolle wurden scheinbar immer dann aktiv, wenn in Deutschland die gesellschaftliche Stimmung sowieso schon angespannt war: vor der Bundestagwahl 2017, nach dem Putschversuch gegen Erdogan oder im Umfeld der Brexit-Abstimmung.

Wenige Wochen vor den Midterms-Elections in den USA ist die Aufmerksamkeit bei Facebook, Twitter und Co., neuerliche Beeinflussungen zu vermeiden, immens hoch, sagt Andreas Noll. In den vergangenen Wochen wurden immer wieder hunderte Troll-Accounts gelöscht. Er glaubt allerdings auch, dass Russland weiterhin Wege finden wird, um die Debatten dort zu beeinflussen.

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