Über Jahrzehnte haben sich Priester, Kardinäle und Ordensleute an ihren Schutzbefohlenen vergangen. Der sexuelle Missbrauch wurde dabei systematisch von ihrer Kirche gedeckt und geschützt. Vier Tage lang will sich die Katholische Kirche im Vatikan jetzt Zeit nehmen, um darüber zu sprechen, wie es dazu kommen konnte.

Die Katholische Kirche will "dem Monster in die Augen schauen", so hat es Vatikansprecher Allesandro Gisotto ausgedrückt. Der hohe Klerus kommt deswegen jetzt nach Rom. Fast 200 Bischöfe aus der ganzen Welt versammeln sich im Vatikan. Wir sprechen darüber mit Christiane Florin aus der Deutschlandfunk-Redaktion "Religion und Gesellschaft".

Die Kirche setzt sich mit dem Thema Missbrauch auseinander

Viele Bischöfe hätten sich allerdings noch gar nicht mit dem Thema Missbrauch auseinandersetzen wollen – "vielleicht sogar eine Mehrheit", so Florin. Während die deutschen Bischöfe bereits mit dem Thema konfrontiert wurden, sei das in vielen anderen Ländern nicht der Fall. Insofern sei das Treffen in Rom geradezu eine Sensation.

"Die Missbrauchskonferenz gilt eigentlich als Sensation, weil es der Papst geschafft hat, seinen hohen Klerus dazu zu zwingen, sich überhaupt mit diesem Thema zu befassen."
Christiane Florin, Deutschlandfunk-Redaktion "Religion und Gesellschaft"

Charles Scicluna, der Erzbischof von Malta, der von Papst Franziskus beauftragt wurde, die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs genauer zu untersuchen, hat für die Konferenz "weitreichende Konsequenzen" angekündigt. Wie konkret diese wirklich ausfallen werden, ist allerdings unklar.

Opferverbände fordern Null-Toleranz-Kurs

Die Opferverbände haben im Vorfeld der Konferenz kritisiert, dass sie außen vor bleiben. Immerhin soll es voraufgezeichnete Statements von Opfern geben. Die Opferverbände fordern einen Null-Toleranz-Kurs: Kardinäle, Bischöfe und Priester, die Kindern Gewalt angetan haben, sollen ihre Ämter nicht mehr ausüben dürfen. Christiane Florin bezweifelt allerdings, ob es tatsächlich dazu kommt. Dafür sei der Kenntnisstand und der Wille, sich damit zu beschäftigen, bei den Würdenträgern zu unterschiedlich ausgeprägt.

Einen Untersuchungsausschuss, konsequente strafrechtliche Verfolgungen, Änderungen im Kirchenrecht, vielleicht sogar eine Lockerung des Zölibat – all das könnten Veränderungen sein, die den Opfern etwas bringen und gleichzeitig weiteren Missbrauch in Zukunft verhindern könnten. Christiane Florin sagt, man könne diese Erwartungen zwar äußern, allerdings dämpfe der Vatikan bereits allzu hohe Erwartungen.

Vatikan dämpft Erwartungen

Der Vatikan blicke realistisch auf die Situation der Kirche und habe realisiert, dass er sich lange Zeit auch selbst betrogen und von "Einzelfällen" gesprochen hat. Aufklärung und Reform müssten jetzt gleichzeitig erfolgen.

"Das, was da jetzt ansteht, ist eine Riesenaufgabe – weil vieles gleichzeitig gemacht werden muss. Aufklärung und Reform."
Christiane Florin, Deutschlandfunk-Redaktion "Religion und Gesellschaft"

In Deutschland stimmt Christiane Florin positiv, dass inzwischen immerhin auf Bischofsebene angekommen sei, dass sich etwas ändern muss. Nicht mehr alle Bischöfe würden mauern (so wie Florin das noch im September 2018 nach der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz eingeschätzt hatte). Einige würden sich inzwischen mit Opfern treffen und "versuchen, so etwas wie Augenhöhe herzustellen". Ob das aber tatsächlich eine Mehrheit sei, könne sie nicht abschätzen. Manchmal sei sie auch noch "sehr skeptisch gestimmt und denke, dass die Kirche einfach die Augen verschließen und ihren autoritären Kurs weiter durchziehen kann." Auf diese Weise bestehe sie seit mehr als 2000 Jahren.

Laut der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz von 2018 sollen sich von 1946 bis 2014 mindestens 1670 Geistliche an Schutzbefohlenen vergangen haben. Die Dunkelziffer wird noch wesentlich höher geschätzt. Die Vorkommnisse bei den Regensburger Domspatzen haben greifbar gemacht, wie perfide Kinder im System Kirche malträtiert und fürs Leben gezeichnet wurden.

Das Amtsverständnis der Priester wackelt

Eine Konferenz wie die jetzige finde erst jetzt statt, weil sie die Katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttert, so Florin. Denn es gehe um nichts weniger als um das Amtsverständnis eines Priesters.

  • Was ist überhaupt ein Priester - warum hat er diese Autorität?
  • Warum ist es ein reiner Männerbund? Wo sind die Frauen?
  • Wie sieht es mit dem Verständnis von Sexualität – und Homosexualität – aus?

Bisher wurden diese Fragen tabuisiert. Ob der Vatikan das wirklich in aller Konsequenz zu Ende denken will – das sei die große Frage, so Florin. Wie es gehen kann, hat man vor wenigen Tagen gesehen: Papst Franziskus hat den früheren Washingtoner Erzbischof McCarrick  in den Laienstand versetzt und einen "ganz normalen Katholiken" aus ihm gemacht. 


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