Dumme Sprüche, sexuelle Anmache - das kennen wir alle, nicht erst seit #MeToo. Sehr wenig hört man dazu von dicken Menschen. Und das hat einen Grund, sagt die Aktivistin Natalie Rosenke: Denn Dicke würden oft nicht ernst genommen, wenn sie von solchen Erfahrungen berichten.

Negative Erlebnisse runterschlucken - das tun dicke Menschen sehr oft, meint Natalie Rosenke vom Verein "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung". Der Grund sei eine Kombination aus Schuld und Scham. Denn dicke Frauen - oder dicke Menschen generell - würden von klein auf lernen, dass ihre Körper nicht gut genug sind.

"Als dicke Frau lernt man von Kindesbeinen an, dass der eigene Körper minderwertig ist - und dass es dabei noch ein Selbstverschulden sei."
Natalie Rosenke, Vorsitzende des Vereins "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung"​

Dicke müssten es erst wieder lernen, ihre eigenen Körper zu mögen und überhaupt erst zu dem Schluss kommen: "Die andere Person hat nicht das Recht, mich abzuwerten", sagt Rosenke.

Tatsächlich gibt es Studien, die zu dem Schluss kommen, dass Dicke seltener als andere Gruppen Diskriminierungen melden oder anzeigen. Denn, so meint Rosenke, sehr oft ernten sie Reaktionen wie "du bist ja auch selber schuld".

Alltägliche Anfeindungen

Diskriminierende Erfahrungen aufgrund des Gewichts - das ist für viele Dicke Alltag. Rosenke nennt ein Beispiel: Zwei Frauen sitzen im Restaurant, beide essen Spaghetti. Da kommt eine andere Person vorbei, knallt eine Frauenzeitschrift auf den Tisch und sagt: "Na da steht ja drin, wie es geht. Low-Carb und so!"

"Im sexuellen Bereich geht es so weit, dass Frauen angesprochen werden nach dem Motto: 'Hei, darf ich dich mal vergewaltigen? Für was anderes bist du ja eh nicht zu gebrauchen.'"
Natalie Rosenke, Vorsitzende des Vereins "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung"​

Die "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung"" hat für ein Video Statements von dicken Menschen gesammelt, zu Beleidigungen, die ihnen widerfahren sind. Eine Frau berichtet, ein Nachbar habe zu ihr gesagt: "Darf ich dich mal vergewaltigen? Zu etwas anderem bist du ja eh nicht zu gebrauchen!"

"Für Frauen ist es Teil ihrer Geschlechterrolle, schön zu sein, und schön wird bei uns gleichgesetzt mit schlank."
Natalie Rosenke, Vorsitzende des Vereins "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung"​

In unserer Gesellschaft gelte schlank als schön, sagt Rosenke. Gesundheit und Schlankheit, das gehöre zusammen: "Schlank wird mit gesund gleichgesetzt." Dahinter stehe auch eine Schlankheits- und Gesundheitsindustrie, die dieses Ideal pushe. 

Politik muss aktiv werden

Damit sich etwas ändert, muss sich gesellschaftlich und politisch etwas tun, so Rosenke: "Denn im Augenblick gibt es überhaupt keine rechtliche Handhabe für dicke Menschen, um sich zur Wehr zu setzen." Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz steht nämlich, dass Menschen zwar nicht wegen etwa ihrer Religion, ihres Geschlechts oder einer Behinderung benachteiligt werden dürfen. Das Körpergewicht wird dort aber nicht genannt. Dicken fehle so die Möglichkeit, gegen Diskriminierung vorzugehen, etwa in der Arbeitswelt, aber eben auch im persönlichen Umfeld.

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