Ungefragte Kommentare

Warum dein Essverhalten kommentiert wird

Egal, was wir essen oder nicht essen, es wird kommentiert. Aber warum? Das hat unter anderem etwas mit der Unsicherheit derer zu tun, die uns bewerten. 

Wenn ihr kein Fleisch esst, oder auf Zucker verzichtet oder einfach keine Oliven mögt, dann kennt ihr das höchstwahrscheinlich: Euer Essverhalten wird kommentiert! Ungefragt. Bei jeder Gelegenheit. Und immer wieder das Gleiche: Ihr habt das Gefühl, euch dafür rechtfertigen zu müssen. Aber warum eigentlich?

Wer kommentiert, ist oft selbst unsicher

Vegetarierin Katharina muss sich Sprüche anhören wie: "Du isst den Kühen das Essen weg". Oder Sarah, die seit einem Dreivierteljahr zuckerfrei lebt, ist ähnlich genervt - sie sagt: "Ich selbst fühle mich ja nicht dadurch gestört, dass ich ein Stück Kuchen nicht esse - aber die anderen fühlen sich dadurch gestört."

Sozialpsychologin Hannah Schade glaubt, dass uns vornehmlich Menschen auf unser Essverhalten ansprechen, die selbst unsicher sind.

"Das hängt damit zusammen, ob Leute in ihrem Selbstbild und ihren Überzeugungen gefestigt sind."
Hannah Schade, Sozialpsychologin

Wer sich also selbst fragt, ob es nicht eigentlich besser wäre, kein Fleisch zu essen, ist laut der Sozialpsycholgin eher geneigt, den Fleischverzicht bei anderen zu kommentieren und kritisch zu hinterfragen. Dahinter steckt in dieser konkreten Situation laut Hannah Schade, dass wir eigentlich dieselben Werte vertreten, aber nur einer sie lebt. Der Kommentierende fühle sich unwohl, weil er sich gedrängt fühle, sein Handeln zu ändern, wozu er nicht bereit ist. 

Auch wer auf Alkohol verzichtet, wird oft angesprochen

Was in Deutschland ganz besonders schwierig ist: freiwillig keinen Alkohol zu trinken. Während das Nichtrauchen inzwischen gesellschaftlich besser akzeptiert wird, werden wir auf den Verzicht von Alkohol besonders vehement angesprochen, sagt Steven Dooley. Der Professor an der Universität Heidelberg untersucht unter anderem die Auswirkungen von Alkohol auf die Leber. Er bringt es auf die Formel: "Deutschland ist eine Trinker-Nation." Wobei auch der gesellschaftliche Status entscheidend ist. 

"In der gehobenen Gesellschaftsklasse ist Alkohol einfach so ein Tagesbestandteil geworden. Es ist einfach auch schick."

Nun stellt sich für all jene, die nicht in diesem Gesellschafts-Konventions-Fahrwasser mitschwimmen wollen, die Frage: Wie soll ich angemessen darauf reagieren? Nicht reagieren geht ja nicht. 

Steven Dooley umgeht das Problem einfach: Er lässt sich an der Theke ein alkoholfreies Weizen zapfen - daraufhin frage keiner mehr nach, ob da Alkohol drin sei, oder nicht. 

Sarah, die auf Zucker verzichtet, kommt zu dem Ergebnis, dass es keinen Sinn macht, zu missionieren und über die gesundheitlichen Vor- und Nachteile zu diskutieren. Und ähnlich drückt es auch die Sozialpsychologin Hannah Schade aus: Sie rät, wir sollten nur von uns selbst sprechen, damit andere keine Rückschlüsse auf sich als Person ziehen können. Stichwort: Ich-Botschaften senden.

"Wenn man sagt: 'Ich hab gemerkt, dass es mir gesundheitlich besser geht', dann ist sehr schnell Ruhe."
Hannah Schade, Sozialpsychologin

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