90 Prozent der Wikipedia-Autoren sind männlich. Die männliche Sicht auf die Welt spiegelt sich auch in den Inhalten wider: Artikel über Wissenschaftlerinnen sind dort kaum zu finden. Einige Frauen wollen das nun ändern. 

Dass Wikipedia durch eine männliche Sicht auf die Dinge geprägt ist, ist seit Jahren bekannt, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Thomas Reintjes. Laut der Wikimedia Foundation waren im Jahr 2016 nur 17 Prozent der Biografien in der englischsprachigen Wikipedia Biografien von Frauen. 

"Gender Bias" nennt man dieses Phänomen, also: geschlechterbezogener Verzerrungseffekt. Und dass der auch bei Wikipedia greift, wundert nicht, wenn man die Autorenschaft unter die Lupe nimmt: Auf Wikipedia selbst ist zu lesen, das bis zu 90 Prozent der Autoren Männer sind.

Auf Wikipedia dominiert eine männliche Perspektive

Das soll sich nun ändern. Wie? Frauen überzeugen andere Frauen, in Wikipedia zu schreiben. Jess Wades, Physikerin aus London, ist eine Vorreiterin dieser Bemühungen. Sie möchte, dass Wikipedia ausgewogener wird, und hat sich deshalb für dieses Jahr zum Vorsatz gemacht, jeden Tag eine neue Seite entweder über eine Wissenschaftlerin anzulegen oder über einen Wissenschaftler, der einer unterrepräsentierten Minderheit angehört. Und sie ist fleißig: Seit Jahresanfang hat sie schon 352 neue Wikipedia-Seiten angelegt (Stand 05.10.2018).

"Some of the people that I've added are people that I've met at meetings. I want to learn more about them on Google and I notice that they don't have a Wikipedia page. So I just make one."
Maryam Zaringhalam, Wissenschaftlerin und Wikipedia-Autorin

Und mit ihrem Engagement steckt Jess Wades auch andere Frauen an. Die Molekularbiologin Maryam Zaringhalam zum Beispiel. Im Frühjahr hat sie zum allerersten Mal eine Wikipedia-Seite angelegt, erzählt sie unserem Reporter Thomas Reintjes. Inzwischen seien es schon gut 30 Artikel. Sie schreibt über Leute, die sie trifft, erklärt sie. Etwa über Wissenschaftlerinnen, die sie bei Fachtagungen kennenlernt, über die sie aber keinen Wikipedia-Eintrag finden kann.

"I think that while men got more attention, there were a lot of women who were still out there and doing the work. So I think women have always been there, but people weren't necessarily paying attention or giving them the credit."
Maryam Zaringhalam, Wissenschaftlerin und Wikipedia-Autorin

Sie glaubt nicht, dass Männer Wikipedia so dominieren, weil sie die Weltgeschichte die längste Zeit dominiert haben. Frauen, so sagt sie, haben auch schon immer wertvolle Arbeit geleistet. Sie würden einfach nur nicht wahrgenommen und gewürdigt werden.

Maryam Zaringhalams Engagement beschränkt sich aber nicht nur auf das bloße Artikelschreiben, erzählt Thomas. Als nächsten Schritt hat sie einen sogenannten Edith-a-thon veranstaltet, also eine Art Schreibwerkstatt, bei der gemeinsam Wikipedia-Artikel über Frauen angelegt oder bearbeitet werden.

"Wikipedia können wir alle bearbeiten. Wir haben es also selbst in der Hand, Frauen und auch Minderheiten sichtbarer zu machen.
Thomas Reintjes, Deutschlandfunk Nova

Letztendlich kann jeder dazu beitragen, Wikipedia ausgewogener zu machen, denn jeder kann Wikipedia-Artikel schreiben, sagt Thomas Reintjes. Allerdings sind die Kriterien für neue Artikel bei Wikipedia eher männerfreundlich, kritisiert Maryam Zaringhala. 

Relevanz-Kriterien für Wikipedia-Biografien bevorzugen Männer

Denn Artikel, die als nicht relevant genug eingeschätzt werden, löscht die Community. Relevanz von Biografien bemisst sich laut Maryam aber an Kriterien wie der Zahl der Publikationen, der Zahl der Auszeichnungen oder dem Ausmaß der Medienberichterstattung. Und das seien eben genau die Bereiche, in denen Frauen generell übersehen würden.

"They're looking for how many awards you have, how many publications you have and how well covered you are in the media. And all three of those are areas in which women tend to be overlooked."
Maryam Zaringhalam, Wissenschaftlerin und Wikipedia-Autorin

Die ganze Arbeit, neue Artikel anzulegen und sich gegebenenfalls noch mit der Community anlegen zu müssen, klingt irgendwie recht mühsam. Aber sie scheint sich zu lohnen: Maryam Zaringhalam jedenfalls findet ihr Engagement sehr bereichernd.

"I find that to be extremely rewarding. Because I use Wikipedia all the time. And to know that now there's a portion of things on Wikipedia that I wrote about people that I admire, is the biggest reward."
Maryam Zaringhalam, Wissenschaftlerin und Wikipedia-Autorin

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