Was spielt eine Rolle für die Karriere? Die Herkunft? Nein, in erster Hinsicht hängt schulischer und beruflicher Erfolg davon ab, inwiefern das eigene Milieu, vor allem die eigene Familie ökonomisch, kulturell und sozial ein Kind unterstützen kann, sagt der Soziologe Aladin El Mafaalani.

Die Herkunft, konkret: ein Migrationshintergrund, wirkt sich kaum auf die Bildungs- und Karrierechancen aus, erklärt Aladin El Mafaalani, Ordinarius für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Uni Osnabrück.

Nicht direkt jedenfalls – denn: Überproportional viele Menschen mit Migrationshintergrund haben in Deutschland eine schwache soziale Herkunft, insofern betreffe diese Menschen die Benachteiligung dann doch stärker.

"Einkommen, Vermögen, das Bildungsniveau beider Eltern – mit diesen wichtigen Informationen kann man schon sehr gut prognostizieren, wohin die Reise geht."
Aladin El Mafaalani, Soziologe

Wer eine eigene Migrationsbiografie hat, hat es noch schwerer, meint der Soziologe. Wer nicht schon hier geboren oder im frühen Kindesalter zugezogen ist, sondern im Jugendlichen-Alter erst einwandert, kein oder wenig Deutsch kann und bereits zu alt ist, in der Schule wirklich integriert zu werden, der sei messbar im Nachteil.

"Wenn man aus einer wirklich privilegierten Familie kommt, die Migrationshintergrund hat, dann hat das messbar praktisch kaum einen Effekt."
Aladin El Mafaalani, Soziologe

Was kann die Chancen von Kindern aus benachteiligten Familien verbessern? Das Schulsystem in seiner jetzigen Form wohl eher nicht. Denn: Chancengleichheit war keine klassische Aufgabe des Bildungssystem, so der Soziologe. Wenn man sich auf den Standpunkt stellte, das System müsse ungleiche Startchancen ausgleichen, dann könne man nur sehr unzufrieden mit dem Status Quo sein.

Über alle Etappen, von der Kita bis zur Hochschule, seien soziale Filter wirksam. Der Grund liegt in der ungleichen Gesellschaft, das Bildungssystem hat diese Aufgabe noch nicht angenommen, so Aladin El Mafaalani.

"Die gesamten Strukturen gerade im Bildungssystem sind so aufgestellt, dass sie nicht unbedingt einen Aufstieg verhindern, sondern ihn einfach nicht unterstützen."
Aladin El Mafaalani, Soziologe

Immerhin: In der Corona-Pandemie hätten mittlerweile alle erkannt, was die drei bis vier zentralen Probleme im Bildungssystem sind, sagt der Soziologe "verhalten optimistisch". Wenn man diese in den Griff kriegen wolle, würde man automatisch auch die Ungleichheit reduzieren, meint er.

Zwei Beispiele: Digitalere Schulen und ein qualitativ besseres Ganztagsangebot würden Kindern aus benachteiligten Familien mehr Teilhabe ermöglichen und gleichzeitig etwa den Stress in Dual-Income-Familien reduzieren. Also: Alle Seiten würden von klugen Bildungsreformen profitieren, so die Hoffnung des Forschers.

Augen auf bei der Berufswahl

Und was können wir selbst für unsere Karriere tun? Erst mal sind drei Sachen wichtig, so Aladin El Mafaalani: Wir sollten uns einen Beruf aussuchen, ...

  • ... der uns interessiert und uns Spaß macht,
  • ... in dem wir gut sind,
  • ... und der gefragt ist.

Alles drei komme leider selten zusammen, aber zwei der Punkte sollte die Berufswahl schon erfüllen, so der Soziologe.

Netzwerke sind karriererelevant

Eine große Rolle spiele später aber auch, wie man sich weiter verhalte, zeigt die Ungleichheitsforschung, so der Soziologe. Insbesondere Kinder aus benachteiligten Familien würden sich an der Uni zum Beispiel sehr anstrengen und auf gute Leistungen fokussieren. Die sind auch wichtig – nur eben nicht allein.

Was ihnen oft nicht bewusst sei, sei die Bedeutung von Networking. In der Ausbildung knüpfe man ein Netzwerk, das zehn Jahre später relevant für die Karriere werde. Zweitens brauche man Förderer und Berater. Und drittens auch Mut – leider hätten auch hier Kinder aus benachteiligten Familien einen Nachteil: Finanzieller Spielraum ist wichtig, um Risiken eingehen zu können. Wer seinen Job dringend braucht, der testet nicht so eben mal einen neuen aus.

Auch spannend in dem Kontext: