Wenn wir beim Sprechen stocken, machen wir das meistens vor einem Substantiv und nicht vor einem Verb. Das hat jetzt ein internationales Forscherteam herausgefunden.

Das Team hat neun sehr unterschiedliche Sprachen untersucht - darunter Englisch, eine sibirische Sprache und auch eine Sprache aus dem Amazonas-Regenwald. Ihr Ergebnis: In allen untersuchten Sprachen benutzen Menschen Laute, die im Deutschen dem "Äh" entsprechen. Und sie verwenden diese Laute vor allem vor Substantiven. Die Wissenschaftler begründen das damit, dass Substantive schwieriger zu planen sind.

Ein Substantiv benutzen wir normalerweise nur, wenn es eine neue Information bringt - und darüber müssen wir dann nachdenken. Beim Wiederholen lassen wir "das Substantiv" dann oft weg und kürzen mit Pronomen wie "es" ab. Die Forscher glauben, dass dieses Phänomen auch Effekte auf die Sprachentwicklung hat.

Es gibt viele Möglichkeiten, Substantive durch ein anderes Wort zu ersetzen – also spielt unser Hirn die ganze Zeit verschiedene Möglichkeiten durch, welches Wort wir als nächstes verwenden könnten. Das nennen die Forscher als Begründung dafür, warum wir ausgerechnet vor Substantiven häufig ein "Äh" verwenden.

Füllwörter helfen, unser Gegenüber mit ins Gespräch einzubeziehen

"Immer, wenn ich eine neue spannende Information habe, dann brauche ich auch ein neues Substantiv", sagt Franca Parianen, Neurowissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Und je nachdem, über was wir gerade sprechen, fällt es uns einfacher oder schwerer, die Nomen zu ersetzen. Wenn wir von Müsli oder Robbenbaby sprechen, dann haben wir gleich Assoziationen im Kopf. Es fällt uns einfacher, diese Wörter im nächsten Satz zu ersetzen. Wenn wir von Freiheit oder anderen abstrakten Begriffen reden, wird es schwieriger. Möglicherweise verwenden wir dann auch mehr "Ähs", weil wir einfach länger über potenzielle Verknüpfungen nachdenken.

Die Forscher der Studie haben festgestellt, dass Füllwörter wie unser "Äh" oder "Mmh" kulturübergreifend existieren. Franca Parianen erklärt es damit, dass alle Sprachen ähnlich funktionieren: dass wir die anderen besser verstehen, wenn wir Pausen machen. Wenn wir kurze Lücken lassen, wird unser Gegenüber viel mehr mit ins Gespräch einbezogen. Quasi wie beim Lückentext. Dann beginnen wir nämlich mit zu rätseln, was in die Lücke gehören könnte, und beteiligen uns aktiv am Gespräch.

Das Dilemma: zu viel oder zu wenig "Ähs"?

Das hat zur Folge: Menschen, die völlig Äh-frei sprechen, sollten sich gelegentlich Gedanken darüber machen, ob ihr Gegenüber noch mitkommt. Und vielleicht kleine Pausen einlegen. Wenn der Gesprächspartner nämlich beim Zuhören sozusagen abgehängt wird – die Kommunikation nicht mehr auf einer Ebene stattfindet – dann wird ein Gespräch auf die Dauer ziemlich anstrengend.

Wenn wir viele "Ähs" verwenden, kann das allerdings auch ziemlich nerven. Wo da genau die Äh-Schmerzgrenze liegt, könnten Forscher vielleicht mal in einer nächsten Studie untersuchen.

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