Südamerika soll der Kontinent sein, den die frühen Menschen als Letztes erobert haben. Aber seit wann die Menschen dort sind und wie sie überhaupt dorthin kamen, ist immer noch unklar.

Wann und woher der Mensch nach Südamerika kam, beschäftigt Archäologen schon seit Jahrzehnten. Einer der Orte, der darauf Hinweise liefert, liegt im Nordosten von Brasilien: der Nationalpark Serra da Capivara. Hier gibt es wahrscheinlich mehr prähistorische Felszeichnungen als irgendwo sonst auf der Welt. 

Unsere Reporterin Anne Preger ist schon den ganzen Tag mit der Archäologin Gisele Daltrine im Nationalpark unterwegs, um diese Zeichnungen zu untersuchen: Es gibt mehr als 900 Stellen mit Felsmalereien. Besonders beeindruckend ist die Felswand des Boqueir~ao da Pedra Furada: Auf einer Länge von 70 Metern verteilen sich fast tausend Gestalten über die Felswand. Gezeichnet wurden sie vor etwa 12.000 Jahren. 

Toca do Pajeu
© Deutschlandfunk Nova | Anne Preger
Die Besichtigung der Felszeichnungen ist über einen Steg möglich

Die Bilder verraten: Damals muss es hier noch etwas anders ausgesehen haben als heute. Zu sehen ist nämlich unter anderem ein Mensch, der versucht, ein Riesengürteltier zu fangen. 

Felszeichnungen geben Hinweis auf frühere Flora und Fauna

Diese Tiere, die inzwischen ausgestorben sind, brauchten viel Futter und viel Wasser. Die Archäologen können daraus schließen: Früher war es hier nicht so trocken wie heute, es gab mehr Wasser, Wald und offene Landschaften. Auch Rüsseltiere und Riesenfaultiere fühlten sich hier vermutlich wohl.

"Vor zehn-, zwölftausend Jahren haben wir hier noch etwas mehr Wasser."
Gisele Daltrine Felice, Bundesuniversität Vale do São Francisco, Campus Serra da Capivara
Serra da Capivara
© Deutschlandfunk Nova | Anne Preger
Ausgeleuchtet sind die Zeichnungen auch nachts zu besichtigen

Unterhalb der Felswand tragen die Archäologen Schicht für Schicht den Boden ab. Bei ihren Grabungen haben sie Spuren von Jägern und Sammlern gefunden: Steinwerkzeuge und viele Feuerstellen. Vermutlich sind die Jäger der Grund dafür, dass die Riesentiere ausgestorben sind.

Manche der archäologischen Fundstücke scheinen sogar noch älter als die Felszeichnungen: auf mehr als 50.000 Jahre alt datieren die Forscher sie. Gisele Daltrine Felice glaubt daher, der Mensch war schon zu dieser Zeit hier. 

"Wir haben viele Steinwerkzeuge gefunden, viele Kiesel, die von Menschen zu Klingen zurecht geschlagen wurden. Und viele Feuerstellen. Von vor 30.000, 36.000, 40.000, 48.000 und mehr als 50.000 Jahren."
Gisele Daltrine Felice, Archäologin

Aber nicht alle Forscher glauben das. Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut und auch weitere Wissenschaftler sind noch nicht überzeugt. Reindel forscht ebenfalls in der Serra da Capivara. 

"Und da bin ich auch nicht ganz alleine. Wir sind da mitten in einer riesigen Diskussion drin."
Markus Reindel, Deutsches Institut für Archäologie und Professor an der Uni Bonn

Diskutiert wird unter anderem darüber, ob die Feuerstellen nicht auch Holzkohle aus Waldbränden sein könnten und die Steinwerkzeuge einfach Kiesel, die beim Runterfallen von hohen Felsen zersplittert sind. Außerdem gibt es auch Kapuzineraffen im Park, die Steine zerschlagen. 

 Toca do Pajeu
© Deutschlandfunk Nova | Anne Preger
Ausgeleuchtet sind die Zeichnungen auch nachts zu besichtigen

Von wo kamen die Menschen, die sich hier niederließen?

Eine andere Frage ist, woher die Menschen gekommen sind, wenn sie denn so früh dort waren. Die Funde passen nicht zur lange gängigen Theorie, die besagte, dass Nord- und Südamerika erst vor rund 13.000 Jahren von Menschen besiedelt wurden. Und zwar von Menschen, die am Ende der letzten Eiszeit aus Sibirien kamen, über die Bering-Landbrücke und Alaska.

Niède Gideon - Archäologin und Gründerin des Nationalparks - hat da eine andere Route im Kopf. Gideon war die erste, die in der Serra da Capivara geforscht hat. Und mit 85 Jahren ist sie immer noch regelmäßig im nahe gelegenen Institut, wo die archäologischen Funde ausgewertet werden. Die Forscherin glaubt, dass die ersten Menschen aus Afrika über den Atlantik hierher gekommen sind.

"Die Winde, die Gezeiten, die Strömungen brachten sie nach Amerika, in den Nordosten Brasiliens. Sie kamen hier an der Nordostküste an und breiteten sich im Nordosten Brasiliens aus."
Niède Gideon, Archäologin und Gründerin des Nationalparks

Vielleicht liefert die Serra da Capivara bald Klarheit. Die UNESCO hat den Nationalpark zum Weltkulturerbe ernannt. Aber unabhängig davon, seit wann nun Menschen hier sind: ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

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  • Grünstreifen
  • Moderator: Paulus Müller
  • Reporterin: Anne Preger, Deutschlandfunk Nova
  • Hinweis: Die Reise der Autorin wurde vom Berufsverband für Wissenschaftsjournalisten 'wpk - die Wissenschaftsjournalisten' organisiert. Die Reise wurde in Teilen von der wpk und dem brasilianischen Bundesstaat Piauí finanziert.