Für Zugezogene ist der Straßenverkehr in Berlin oft stressig. Für finnische Fahrradfahrer gibt es einen speziellen Kurs, das Chaos kennenzulernen.

Zu Fuß oder mit dem Auto in Berlin unterwegs zu sein, kostet schon Nerven - in Deutschlands Hauptstadt mit dem Fahrrad zu fahren, ist aber besonders stressig und schnell auch gefährlich. Immer wieder werden Fahrradfahrer beim Abbiegen von Autofahrern übersehen, Fahrradwege sind zugeparkt, kaputt oder hören auf einmal auf, dann noch die Tramschienen. 

Zugezogene sind mit dem Berliner Verkehr überfordert

Gerade Menschen, die aus etwas ruhigeren Gebieten nach Berlin kommen, sind damit schnell überfordert. Das hat auch der Finne Oskari Lampisjärvi erkannt und bietet deshalb extra für seine Landsleute Fahrradkurse an. 

Oskari Lampisjärvi wartet vor der finnischen Botschaft in Berlin. Von dort aus startet er seine Fahrradtour durch die Stadt. Die Teilnehmer sind gebürtig aus Finnland, wohnen und arbeiten jetzt aber in Berlin und wollen auch dort mit dem Fahrrad unterwegs sein. Für seine Truppe hat Oskari Lampisjärvi eine Route von der Botschaft über den Tiergarten und Schöneberg nach Charlottenburg zum Kurfürstendamm herausgesucht.  

"Es ist so eine Route mit Radstreifen auf der Straße oder Radweg auf dem Bürgersteig oder dann gar kein Radweg. Da müssen wir auf der Straße fahren."
Oskari Lampisjärvi leitet die Übungs-Fahrradfahrten durch Berlin für Finnen

Oskari Lampisjärvi weiß, dass Radfahren in Berlin für Finnen eine Umstellung ist - einerseits wegen des Verkehrs, andererseits wegen der Mentalität der anderen Verkehrsteilnehmer.

"Viele sagen, dass der Verkehr hier aggressiv ist im Vergleich zu Finnland und die Leute haben auch Angst davor."
Oskari Lampisjärvi leitet die Übungs-Fahrradfahrten durch Berlin für Finnen

Tanja ist eine der Teilnehmerinnen. Sie arbeitet in der finnischen Botschaft und ist seit sechs Wochen in Berlin. Sie ist zusammen mit ihrem neunjährigen Sohn gekommen, weil sie möchte, dass auch er den Straßenverkehr kennenlernt.   

Auf ihrer Route entdecken die Finnen viel Neues. Es geht direkt über schmale Fahrradstreifen auf Bürgersteigen, überall ist es holprig, weil Baumwurzeln den Asphalt durchbrechen und ab und zu gibt es Schilder, die Finnen schlicht nicht kennen. Das Schild beispielsweise, das Radfahrern in der Einbahnstraße erlaubt, in beide Richtungen zu fahren. 

Ein Schild, das es Fahrradfahrern erlaubt, in einer Einbahnstraße in beiden Richtungen zu fahren.
© imago | Seeliger
Ein Schild, das es Fahrradfahrern erlaubt, in einer Einbahnstraße in beiden Richtungen zu fahren.

In Finnland wären solche Verkehrsregeln ein No-Go. Tanja und ihr Sohn betrachten das Schild neugierig. Für Tanja geht es auch darum, den Berliner Stadtverkehr aus Fahrradfahrersicht kennenzulernen, denn sie ist sonst eher mit dem Auto unterwegs. Oft ist sie aber verunsichert, weil gefühlt aus jeder Richtung Radfahrer angerauscht kommen, sagt sie. Am Nollendorfplatz in Schöneberg zum Beispiel. Dort ist sie selbst oft mit dem Auto unterwegs - jetzt erreichen sie diesen Knotenpunkt gemeinsam mit dem Fahrrad. 

"Wenn ich mit dem Auto hier lang fahre und rechts abbiege, dann kommen die Fahrradfahrer so schnell, man muss so aufpassen!"
Tanja aus Finnland, lernt in Berlin sicher Fahrrad zu fahren

Der finnische Fahrrad-Trainer Oskari Lampisjärvi bestätigt Tanjas Eindruck. In Berlin sei eine der häufigsten Unfallursachen, dass rechtsabbiegende Autos oder Lkw geradeaus fahrende Fahrradfahrer übersehen und überfahren. 

Fazit: Nicht allein mit dem Fahrrad durch Berlin

Ihr Weg zum Ende der Trainingsroute führt die Finnen auf dem Fahrrad weiter vorbei an vielen Hindernissen. Andere Radfahrer, die telefonierend auf dem Radweg stehen bleiben, zugeparkte Fahrradwege oder Straßen, ganz ohne Radwege. Zum Schluss werden sie noch angehupt. 

"Obwohl wir genau dort fahren, wo wir fahren müssen, hat sich der Autofahrer entschieden, uns anzuhupen. Wahrscheinlich, weil er schneller fahren möchte als wir."
Oskari Lampisjärvi, finnischer Fahrrad-Trainer

Die Teilnehmer der Fahrradtour durch Berlin haben nach eineinhalb Stunden einen realistischen Eindruck davon bekommen, was es heißt, in der Hauptstadt mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Mann muss sich wirklich an vieles gewöhnen, resümieren sie. Auf die Frage, ob Tanja ihren neunjährigen Sohn nach diesem Nachmittag denn künftig allein mit dem Fahrrad in den Berliner Straßenverkehr schicken würde, antwortet sie entschlossen: "Nein. Sicher nicht. Unbedingt nicht!"  

Mit dem Fahrradfahren haben wir uns hier bei Nova schon sehr umfassend beschäftigt. Alles aus der Serie Radfunk findet ihr hier.

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